Wenn die Seele in Not gerät
Rebekka Dahinden 29.10.2026
Was hilft in einer psychischen Krise? Unsere Mitarbeitende erzählen, was sie im Gespräch anbieten – und was ihnen selbst Halt gibt. Ein Blick in den seelsorglichen Notfallkoffer.
Im Schutzraum
«Um Boden unter die Füsse zu bekommen, braucht es einen sicheren Raum. Im Gespräch können Wut, Ohnmacht und Verunsicherung in Bedürfnisse und neue Perspektiven verwandelt werden. Oft hilft schon zu wissen, welche Massnahmen, Rituale und nächsten Schritte Halt schenken können.»
Christoph Beeler, Bezugsperson Nottwil, Pfarreiseelsorger
Schoggi oder Bewegung
«Von Klara von Assisi habe ich gelernt, dass es beides braucht: aktives Handeln und stillen Rückzug. Manchmal bringt es schon etwas in Bewegung, aufzustehen, gemeinsam ein Stück zu gehen oder eine vertraute Tätigkeit aufzunehmen. In anderen Momenten hilft ein ruhiger Ort, Schweigen oder ein stilles Gebet. Und manchmal sind es die ganz einfachen Dinge, die guttun: Singen oder ein Stück Schoggi.»
Christa Wandeler-Wey, Pfarreiseelsorgerin i. A.
Josefs Notnagel
Ein zufällig entdecktes Ritual in einer offenen Kapelle des ehemaligen Klosters Heilig-Kreuztal in Oberschwaben wirkt auf mich bis heute therapeutisch. Es hilft mir, Not nicht einfach mit nach Hause zu nehmen, sondern sie abzugeben – oder vielmehr: sie mit jemandem zu teilen. Dafür braucht es nur drei Dinge: einen dicken Nagel, einen Hammer und einen Spaltstock.
Mit voller Kraft schlägt man den Nagel ins Holz und richtet ein Gebet an den heiligen Josef, den Handwerker und Zimmermann: «Josef, Freund und Helfer in der Not, was ich eben erlebt habe, lastet schwer auf den betroffenen Menschen und auch auf mir. So hänge ich unsere Not an diesen Nagel – im Vertrauen, dass du nicht vorübergehst, hilfst und Nägel mit Köpfen machst. Danke!»
Thomas Müller, Priester
Abwarten und Tee trinken
Mein Tipp für seelische Notsituationen ist beinahe banal: eine Tasse Tee. Ich schliesse mich damit dem Sprichwort «abwarten und Tee trinken» an – und stelle mir gern vor, dass genau das dem heilkundigen Schäfer gefiel, der es geprägt haben soll. Denn für die sprichwörtliche Tasse Tee lassen sich heilende, anregende oder beruhigende Kräuter wählen, ganz nach Bedarf.
Doch bei einer Krise der Seele zählt weniger das Kraut als das Ritual: Tee aussuchen, Wasser aufsetzen, ziehen lassen – und dann bewusst, Schluck für Schluck, trinken. Man kann den Duft einatmen, schweigen, den Gedanken nachhängen oder reden, wenn einem danach ist. Das eigentlich Heilsame dabei ist: In diesen Minuten muss man nichts anderes tun als Tee trinken. Nicht funktionieren, nur da sein. Danach ist nicht alles gut, doch es ist die kleine Pause, die gut tut.
Tanja Metz, Co-Leiterin Kommunikation
Grafik: Adobe KI
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