Welche Sprache spricht die Kirche?
Elisabeth Zschiedrich, «pfarrblatt» Bern, ZR 21.03.2026
Seit Beginn dieses Jahres müssen die Akten im Vatikan nicht mehr zwingend auf Latein verfasst werden. Ein Gespräch über Tradition, Übersetzbarkeit und die Universalität der katholischen Kirche.
Die Kirche sei mit ihrem Latein am Ende, konnte man vor Kurzem vielerorts lesen. Ist diese Nachricht mehr als ein «Fun Fact»?
Gianluca De Candia: Wichtige Dokumente werden weiterhin ins Lateinische übersetzt. Nur gilt das Latein in der Verwaltungspraxis der römischen Kurie jetzt nicht mehr als bevorzugte Sprache. Vermutlich werden normale Akten zukünftig kaum noch auf Latein verfasst. Diese Entwicklung zeichnete sich schon länger ab und hat auch praktische Gründe. Das Personal im Vatikan wurde immer internationaler. Man kann nicht mehr voraussetzen, dass die Menschen gut genug Latein können, um täglich damit zu arbeiten.
Hat der Vatikan Fachkräftemangel?
Das könnte man so sagen. Aber es geht um mehr, nämlich um die Frage: Welche Sprache spricht die Kirche? Papst Franziskus hat immer betont, die römische Kurie solle nicht der eigenen Selbsterhaltung, sondern den Menschen dienen. Dafür muss sie aber auch deren Sprache sprechen. Diesen Gedanken setzt Leo jetzt in die Tat um.
Wird es bei der nächsten Papstwahl kein «Habemus papam» mehr geben?
Doch, dieser Ausspruch wird sicherlich bleiben. Aber schon beim letzten Konklave war das Latein auf die Liturgie und auf den Ritus beschränkt. Die offizielle Verfahrenssprache war Italienisch, und untereinander diskutierten die Kardinäle in verschiedenen Sprachen.
Die Kirche ist pluralistisch und mehrsprachig geworden.
Viele Stimmen und Sprachen in der Kirche, gilt das auch im übertragenen Sinne?
Auf jeden Fall. Die Kirche ist pluralistisch und mehrsprachig geworden. Und die Fragen haben sich verändert, sie sind vom jeweiligen kulturellen Kontext geprägt. Um auf die Herausforderungen der modernen Welt zu antworten, reicht der alte Wortschatz oft nicht mehr aus. Das Zweite Vatikanische Konzil (1963–1965) war der letzte Anlass, bei dem die grossen Reden in Latein gehalten wurden. Johannes XXIII. hatte dies in der apostolischen Konstitution «Veterum sapientia» kurz vor dem Konzil so vorgegeben. Das Latein, verstanden als eine Sprache, deren Wandlungsprozess abgeschlossen ist, war seiner Meinung nach am besten geeignet, um den Glauben zu bewahren.
Schon beim Konzil entstanden dann aber neue lateinische Wortbildungen.
Das erste Konzilsdokument, das die Unveränderlichkeitserklärung des Lateins anders gewichtet hat, ist «Gaudium et spes». Es entstand in hastiger Übersetzungsarbeit und brachte Neologismen wie «civilizatio», «dissensiones raciales» oder «opinio publica» hervor, die viele Latinisten und Konzilsväter wegen ihrer Ungeschliffenheit empörten. Auch heute kursieren im Vatikan einige neue lateinische Begriffe, etwa «armárium frigidárium» für Kühlschrank. Es gibt ein «Lexikon des modernen Lateins», lateinische Sendungen bei Radio Vatikan und sogar Geldautomaten, die auf Latein bedient werden können.
Gleichzeitig zeigt die Notwendigkeit, Neologismen zu bilden, dass Tradition ein lebendiger Übersetzungsprozess ist.
Ist das Latein also doch nicht tot?
Ich halte nichts davon, so zu tun, als sei das Latein eine aktiv gesprochene Sprache. Es sollte auf universalkirchliche Dokumente sowie auf alte liturgische und rituelle Formen beschränkt bleiben. Das Latein hat eine besondere Schönheit und eine prägnante Kraft. Man braucht viel weniger Worte als in anderen Sprachen, um dasselbe zum Ausdruck zu bringen. Gleichzeitig zeigt die Notwendigkeit, Neologismen zu bilden, dass Tradition ein lebendiger Übersetzungsprozess ist.
In Ihrem neuen Buch sagen Sie, Übersetzbarkeit, Mehrsprachigkeit und Sprachoffenheit seien konstitutiv für das Christentum.
Im Unterschied zum Judentum und später zum Islam, wo die Originalsprache der heiligen Schriften selbst als heilig gilt, gab es schon unter den ersten Christ:innen eine besondere Offenheit gegenüber den Übersetzungen der kanonisch werdenden Schriften. Schon früh übersetzten Christ:innen die Paulusbriefe und dann die Evangelien in verschiedene Sprachen. Sie knüpften damit zwar an jüdisch-hellenistische Traditionen an, gingen aber noch einen Schritt weiter. Für sie war die Übersetzbarkeit der Schriften kein Mangel, sondern ein echtes Identitätsmerkmal. Das Christentum ist von Beginn an eine Religion des Wortes und der Übersetzbarkeit, nicht bloss aus historischem Zufall, sondern als Teil des theologischen Selbstverständnisses.
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