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Verborgene Not, spürbare Last

Rebekka Dahinden 13.03.2026

Finanzielle Nöte setzen Menschen unter Druck – doch Hilfe wird selten leicht angenommen. Armand T. erzählt.

Über Gefühle spricht man kaum, über Geld noch weniger. Was in unserer Gesellschaft unausgesprochen bleibt, wird für Menschen in finanzieller Not zur doppelten Belastung: Denn oft kämpfen sie nicht nur mit materiellen Sorgen. Hinzu kommen Schamgefühle und Selbstzweifel.

Was in der Öffentlichkeit kaum sichtbar ist, betrifft mehr Menschen, als man denkt: Gemäss Caritas sind rund 8,1 Prozent der Schweizer Bevölkerung von Armut betroffen. Viele weitere Menschen verfügen nur knapp über die Mittel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Zahlen verdeutlichen das Ausmass des Problems, doch zeigen sie nicht, was es mit den Betroffenen macht. Wie fühlen sich Menschen, die mit Geldproblemen kämpfen? Warum fällt es ihnen oft so schwer, Hilfe anzunehmen? Armand T.* schildert seine persönlichen Erfahrungen.

 

Angekommen in der Gesellschaft

Alles schien sich zum Guten gefügt zu haben: Er fühlte sich in der Schweiz angekommen, wohl und integriert. Armand T. führte ein selbstbestimmtes Leben und stand auch finanziell auf sicheren Beinen. Sein Wegzug aus der Heimat lag bereits Jahre zurück.

Von Beginn an bemühte er sich, sich in der neuen Umgebung gut einzuleben. Innerhalb weniger Monate lernte er Deutsch. Armand suchte und knüpfte Kontakte zu Einheimischen, wollte Anschluss gewinnen. Er nahm unterschiedliche Stellen an – von der Reinigung über Fabrikarbeit bis hin zum Fahrdienst –, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Auch ehrenamtlich engagierte er sich; er half als Freiwilliger bei einer Hilfsorganisation. Armands unermüdlicher Einsatz zahlte sich aus: Bald fand er eine Teilzeitstelle im Sozialwesen.

 

Wenn die Belastung überhandnimmt

Diese entwickelte sich jedoch zur Belastungsprobe. Wegen der wechselnden Arbeitsschichten musste er andere, für sein Einkommen wichtige Jobs aufgeben. Sein Alltag geriet aus dem Takt; Armand fehlte der Ausgleich und er wurde zunehmend unkonzentriert. Auch die mentale Belastung, die seine Arbeit mit sich brachte, lastete auf ihm.

Das schlechte Klima am Arbeitsplatz verschärfte die Situation zusätzlich. Armand T. berichtet von Demütigungen durch seinen Vorgesetzten; er wurde beleidigt, unter Druck gesetzt, bedroht. Die Umstände setzten ihm immer mehr zu. Schliesslich zog sein Körper die Notbremse. Armand wurde krank.

Mehrere Wochen war er arbeitsunfähig und nicht mehr in der Lage, die Wohnung allein zu verlassen. In dieser Zeit erkrankte auch seine Partnerin. Neben den alltäglichen Ausgaben kamen hohe medizinische Kosten hinzu, die Rechnungen stapelten sich. Sein Grundlohn reichte zum Überleben nicht aus. «Wenn ich kochte, musste die Mahlzeit für drei, vier Tage reichen.»

 

«Ich musste realistisch sein»

Armand T. versuchte zunächst, die Situation ohne fremde Hilfe zu bewältigen. Doch das war nicht mehr möglich; zu stark war er körperlich und psychisch angeschlagen. Eine Bekannte riet ihm, sich beim Sozialdienst der Kirchen beraten zu lassen. Dort meldete er sich, erhielt Unterstützung.

«Ich musste realistisch sein», sagt Armand. «Wenn ich nur für mich allein verantwortlich gewesen wäre, hätte ich mir keine Hilfe geholt. Aber ich bin auch für meine Frau verantwortlich. Was also sollte ich tun?»

Es sei ihm nicht leichtgefallen, Hilfe anzunehmen. Aber er habe versucht, sich selbst von der Richtigkeit seiner Handlung zu überzeugen, erzählt er. Dass er sich an den kirchlichen Sozialdienst wandte, war kein Zufall. Er fühle sich der Kirche verbunden. «Bei der Kirche nach Unterstützung zu fragen, bedeutet für mich auch, Hilfe von Gott anzunehmen.»

 

«Wenn ich kochte, musste die Mahlzeit für drei, vier Tage reichen.»

 


Hohe Hemmschwelle

Wer Unterstützung braucht – sei es vom Staat oder bei einer kirchlichen Beratungsstelle –, muss seine finanziellen Verhältnisse offenlegen. Die eigene Not einzugestehen, ist für viele schmerzhaft und damit eine der grössten Hürden überhaupt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die sich für soziale Stabilität und bessere Lebensstandards einsetzt, weist darauf hin, dass vor allem die Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung dazu führt, dass Menschen in finanziell schwieriger Lage ihren Anspruch auf Hilfe nicht geltend machen. 

Auch Untersuchungen von Schweizer Hochschulen belegen, was Sozialarbeitende täglich erfahren: Scham, Selbstzweifel und Angst vor Blossstellung hindern Menschen daran, Unterstützung anzunehmen. «Oft suchen die Menschen erst dann unsere Hilfe, wenn bereits vieles im Argen liegt. Sie versuchen lange, ihre finanziellen Probleme selbst zu lösen», sagt Martina Helfenstein von der Sozialen Arbeit der Kirchen Sursee. Gerade weil die Hemmschwelle hoch ist, sei es in der Beratung entscheidend, Vertrauen aufzubauen – indem man den Ratsuchenden auf Augenhöhe begegnet, sie ernst nimmt und sich Zeit für ihre Anliegen nimmt, so die Sozialarbeiterin.

 

«Bei der Kirche nach Unterstützung zu fragen, bedeutet für mich auch, Hilfe von Gott anzunehmen.»




Das Gefühl vom normalen Leben

Auch Armand musste sich zu diesem Schritt überwinden. Er erklärt sich dies mit seiner Vergangenheit: Aus einfachen Verhältnissen kommend, gelangte er an die Universität und fand später eine sichere Anstellung. Als er in die Schweiz kam, begann er von vorne und arbeitete sich erneut nach oben. Er habe immer gekämpft und sein Geld ehrlich verdient, so Armand T. «Aber dadurch habe ich es geschafft, eine gute Stelle zu bekommen und hier Teil der Gesellschaft zu werden.» Angesichts dessen fiel es ihm schwer, sich wieder für Unterstützung zu öffnen.

An seine frühere Arbeitsstelle wird Armand T. nicht zurückkehren. Mit Unterstützung von Fachleuten sucht er sich nun eine neue Stelle. Seine jetzige Lage sei für ihn ungewohnt und schwer zu ertragen. Trotzdem wirkt er entschlossen. «Ich will wieder aufstehen, gesund werden», sagt er, «und ich werde glücklich sein, wenn ich eine Arbeit finde.» Denn für ihn bedeutet ein Job mehr als nur ein Einkommen: Er gebe ihm «das Gefühl, ein normales Leben zu führen.»
 

*Zur Sicherstellung der Anonymität wurden Name und Details zur Person geändert.

Hören Sie hier die Podcast-Episode Nr. 7 «Budgetberatung – Hilfe, die nicht urteilt» mit der Sozialarbeiterin Martina Helfenstein.

 

Bild: Towfiqu barbhuiya/unsplash.com

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