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Über Glück können wir nicht verfügen

Andrea Zimmermann 04.05.2026

Thomas Villiger-Brun ist neuer Seelsorger im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ). Er zeigt auf, was Spiritualität im Klinikalltag bedeutet.

Visiten, Therapiepläne, Übergaben – der Alltag im SPZ ist präzise und eng getaktet. Ärztinnen, Pflegende und Therapeuten arbeiten Hand in Hand, um Menschen zu unterstützen, deren Leben durch einen Schicksalsschlag einen Bruch erfahren hat. Während der Rehabilitation werden Patientinnen und Patienten auf ihr neues Leben vorbereitet. Dabei stellen sich Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt – Fragen nach Sinn, nach Orientierung, nach dem, was trägt.
Genau hier setzt die Arbeit von Thomas Villiger-Brun an. Der 58-Jährige ist seit Kurzem als Seelsorger am SPZ tätig. Gemeinsam mit seiner reformierten Kollegin Ursula Walti begleitet er Patientinnen und Patienten dabei, in ihrer neuen Lebensrealität anzukommen, und unterstützt sie bei ihrer Suche nach Kraft und Hoffnung. Aber auch für Angehörige und Mitarbeitende ist er ein wichtiger Ansprechpartner.

Spüren, was lebendig macht
Wer mit Thomas spricht, merkt rasch, dass er fest im christlichen Glauben verankert ist, Seelsorge aber als Angebot für alle versteht, die auf der Suche nach Spiritualität sind. Auf einem Spaziergang rund ums SPZ kommen wir an einem Bach vorbei. Er bleibt stehen und hört dem Rauschen zu. «Diese Metapher passt jetzt gerade wunderbar», sagt er lachend und erklärt: «Spiritualität ist für mich wie das Grundwasser. Man sieht es nicht immer, und doch trägt es dazu bei, ob etwas in Fluss kommt und wachsen kann.» Für Thomas ist dieses «Grundwasser» etwas Urmenschliches: ein Grundbedürfnis nach Sinn, Verbundenheit und innerem Halt – auch bei Menschen, die sich nicht als religiös verstehen. Spiritualität, sagt er, habe weniger mit Wissen zu tun als mit Erfahrung; sie zeigt sich dort, wo Menschen spüren, was sie lebendig macht, und auf der Suche danach bleiben.

Mit dem Unverfügbaren umgehen 
Obwohl Religionsgemeinschaften Mitglieder verlieren, so zeigt es auch die Forschung, bleibt das Bedürfnis nach Spiritualität ungebrochen. Und das erlebt auch Thomas in seinem beruflichen Alltag als Seelsorger. Besonders in einer Klinik wie dem SPZ zeigt sich, dass es viele Lebensbereiche gibt, die sich unserem Zugriff entziehen und sich nicht per Knopfdruck wiederherstellen lassen. «Über Glück und Gesundheit können wir nicht verfügen», sagt er. Man kann therapieren, trainieren, planen – und muss dennoch anerkennen, dass es Grenzen gibt.
Gerade in einer Gesellschaft, die so stark auf Machbarkeit, Planung und Kontrolle setze, falle es uns zunehmend schwer, mit dem Unverfügbaren umzu-gehen, meint Thomas. «Das ist eine Realität, der man sich zuwenden muss. Und genau dort, wo Sinnfragen aufbrechen, findet die Spiritualität ihren Platz.»

Interdisziplinär verankert
Dass die Seelsorge im SPZ nicht am Rand stattfindet, sondern in ein interdisziplinäres Team aus Ärztinnen, Pflegenden, Therapeutinnen eingebettet ist, nimmt Thomas als eine Stärke der Klinik wahr. «Hier zählen nicht nur Körper, Psyche und Soziales – auch die spirituelle Dimension wird mitgedacht.» Oft kommt vom Team ein Hinweis, dass es gut wäre, wenn jemand von der Seelsorge bei einer Patientin oder einem Patienten vorbeischaute.
Was Thomas in die Gespräche mitbringt, ist ebenso einfach wie wertvoll: Zeit. Zeit, um zuzuhören und wahrzunehmen, was einen Menschen bewegt und was er gerade braucht. Manchmal heisst das, das Schwere mit auszuhalten. Ohnmacht, Trauer oder das, was Energie raubt. Und manchmal geht es darum, eine Sprache für das zu finden, was sprachlos macht – ein Wort, ein Bild oder ein Satz, der Halt gibt. Wenn Menschen loslassen müssen, kann auch ein Ritual dabei helfen, Abschied, Hoffnung oder Dank auszudrücken.
Seelsorge ergänzt im SPZ die medizinischen und therapeutischen Angebote dort, wo Fragen offenbleiben. Thomas schafft einen Raum, in dem Menschen aussprechen können, was sie beschäftigt. Manchmal ist es genau dieser Raum, der hilft, das Unverfügbare auszuhalten und neuen Sinn zu finden. Und manchmal gilt es einfach, in der Stille innezuhalten, um Halt zu finden.

Erstveröffentlichung SPZ

 

Bild: Sabrina Kohler

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