Spürsinn für das Mögliche
Rebekka Dahinden 13.04.2026
Zuversicht ist eine Kraft, die vieles zum Positiven verändern kann – gerade auch in schwierigen Zeiten.
Manche dieser Welt machen uns das Leben schwer: Sie überfallen Nachbarländer, setzen Hunger und Kälte als Waffen ein, sie lassen ihre Truppen auf Schutzbedürftige ihres eigenen Landes los, behaupten Unwahrheiten und setzen sich über jegliche Abmachungen hinweg.
Viele von uns spüren, wie belastend und kräftezehrend das Weltgeschehen in den vergangenen Jahren geworden ist. Manchmal fühlt es sich an, als kämen wir kaum noch zum Durchatmen.
Sind die Zeiten ruhig, gehen wir unserem Alltag nach, schmieden Pläne und vertrauen darauf, dass morgen vieles so bleibt wie heute. Doch wenn wir in die Welt blicken und wahrnehmen, wie sehr Krisen unseren Alltag und Befinden prägen, drängen sich Fragen auf: Was trägt mich, wenn Sicherheiten wegbrechen? Finden wir Wege, mit den Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen? Wir fragen uns, wie wir trotz all dem, was uns besorgt und umtreibt, besonnen bleiben und neue Hoffnung schöpfen können.
Zuversicht als Haltung
Lässt man sich auf verschiedene Überlegungen zur Zuversicht ein, wird deutlich: Wer sie als naiver Optimismus im Sinne von «Es wird schon alles gut gehen» versteht, unterschätzt ihr Potenzial, das sie in schwierigen Situationen entfalten kann. Denn mehr als ein frommer Wunsch oder ein Zweckdenken, das Schwierigkeiten ausblendet, ist Zuversicht eine bewusste Entscheidung. Vielleicht sogar eine der wichtigsten unserer Zeit.
Dieser Ansicht zumindest ist die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast. Sie beschreibt Zuversicht als eine innere Haltung, mit der wir der Zukunft entgegengehen: Eine Haltung des Vertrauens darauf, dass man bevorstehende Herausforderungen bewältigen kann. Was nicht bedeute, dass man Probleme ignorieren oder schönreden soll. Im Gegenteil: Es sei wichtig, ehrlich hinzuschauen und anzuerkennen, dass vieles schiefläuft in unserer Welt, so Kast. Vielmehr gehe es darum, eine Einstellung zu entwickeln, die sagt: Wir sehen die Probleme, aber lassen uns nicht von unserer Angst lähmen. Wir sind den Umständen nicht hilflos ausgeliefert, sondern können aktiv werden, Verantwortung übernehmen und dadurch unser Miteinander gestalten.
Die Hoffnung ist die Leidenschaft für das Mögliche.
Paul Ricoeur
Handlungsspielraum ausloten
Doch ist das nicht leicht gesagt, angesichts der Verunsicherung, die viele Menschen plagt? Zuversicht zu haben bedeutet nicht, dass uns Furcht oder Verzweiflung fremd wären. Aber eine generalisierte Angst, die in all unsere Lebensbereiche greift, lasse uns ohnmächtig scheinen. Die Psychologin rät deshalb, ihr nicht auszuweichen, sondern genau hinzuspüren: Wovor habe ich eigentlich Angst? Geht es um eine konkrete Situation oder um das Gefühl von Kontrollverlust? Oft wird Angst greifbarer – und damit auch handhabbarer –, wenn wir sie konkret benennen.
Ausgehend davon lässt sich der persönliche Spielraum ausloten. Statt auf das Unkontrollierbare zu schauen, richtet sich der Blick auf das, was wir gestalten können. Und setzen dann im Kleinen an: in unserem direkten Umfeld und eigenen Leben, wo wir persönlich Verantwortung tragen und – allein oder gemeinsam – abwägen, argumentieren, entscheiden und handeln können.
Wir sehen die Probleme, aber lassen uns nicht von unserer Angst lähmen.
Den Blick weiten
Ebenso hilfreich kann es sein, so Verena Kast, bewusst die Dinge von der anderen Seite zu betrachten: Zu schauen, was trotz allem gut läuft im Leben; wo wir solidarisch, menschlich und fortschrittlich unterwegs sind. Zu ergründen, was uns zuversichtlich stimmt.
Ein Perspektivwechsel, der den Blick weiten und andere Gefühle zulassen kann: Dankbarkeit, Entschlossenheit, Mut und Vertrauen. Sie stärken den Spürsinn für die positiven Möglichkeiten, welche die Zukunft mit sich bringen kann – und die Tatkraft, auch das Eigene dazu beizutragen.
Bild: Jess Loiterton/pexels.com
Mehr lesen? Weitere Beiträge in Kirche und Gesellschaft.