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«Schöpferisch bis an ihr Lebensende»

Andreas Baumeister 23.02.2026

Markus Kappeler über die Künstlerin Maria Hafner und ihr Werk.

Markus, wann bist du Maria Hafner zum ersten Mal begegnet?
An unsere erste Begegnung – sie muss vor gut 20 Jahres stattgefunden haben, Maria war damals schon 80 Jahre alt – kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber beeindruckend war für mich jede einzelne Begegnung mit ihr; überraschend und herausfordernd, immer begleitet von einer grossen Herzlichkeit.
 

Was war Maria für ein Mensch?
Maria Hafner war eine reflektierte Frau, geistig unglaublich vif und kreativ bis zu ihrem Tod. In ihrem Entdeckungseifer blieb sie bis ins hohe Alter wie ein Kind. Maria war eine weise Frau, die im Leben Höhen und Tiefen nicht nur durchgemacht, sondern Sinn suchend bedacht hat, religiös-meditativ wie auch im intellektuellen Austausch mit anderen Menschen. 

 

Beeindruckend war für mich jede einzelne Begegnung mit ihr; überraschend und herausfordernd, immer begleitet von einer grossen Herzlichkeit.

 

Maria kam aus einem katholischen Elternhaus.
Im Herzen war Maria eher konservativ. Geistig stark geprägt aber hat sie die Öffnung der Kirche auf die Welt hin, wie sie das Konzil proklamiert hat. 
 

Wie würdest du sie als Künstlerin beschreiben?
Ihr künstlerisches Schaffen ist expressiv. Sie will eine Geschichte nicht in realistischen Bildern erzählen. Vielmehr drückt sie in Farben und Formen ihr persönliches und spirituelles Empfinden des Geschehens aus.
 

Was war dein erstes Verlagsprojekt mit ihr?
Das Buch «14 Stationen der Kraft – Meditationen am Kreuzweg». In der Gestaltung dieser Bilder und in den Begleittexten, die ich redigierte, interessiert sich Maria Hafner für das Verhalten der Menschen, die Jesus auf dem Weg seiner Passion begegnet sind. Sie betrachtet diese Begegnungen aus der Perspektive einer Frau, die ihren eigenen existentiellen Erfahrungen um Glauben, Leben und Tod nachspürt. 

 

Maria Hafner drückt in Farben und Formen ihr persönliches und spirituelles Empfinden des Geschehens aus.

 

Hattest du auch private Begegnungen mit ihr? 
Je länger wir zusammengearbeitet haben, desto persönlicher wurden diese. Meist ging ich zu ihr in die Wohnung, manchmal ins Atelier, als sie krank war auch ins Pflegheim. 
 

Wie hast du Maria erlebt?
Ich begegnete einer geistig jung gebliebenen Frau und fühlte mich nach jeder Begegnung reich beschenkt.
 

Kannst du eine Geschichte erzählen, die du mit ihr erlebt hast?
Einmal hat sie mir ein Bild geschenkt, das «Ewig-Weibliche». Das Bild stellt die Quelle des Lebens dar, Wasser, das aus einer weiblichen Gestalt herausfliesst. Ich hängte das Bild über unser Sofa. Sie kam auf Besuch, betrachtete es und sagte sofort: Da stimmt was nicht, das ist nicht ausgewogen. Sie nahm das Bild zurück ins Atelier und ergänzte es mit einer schmalen, in blau gehaltenen Farbtafel. Doch auch so stimmte es für sie noch nicht. Sie hat das Bild schlussendlich nochmals neu gemalt. Nun habe ich zuhause «das Ewig-Weibliche» in zwei Maria-Hafner-Varianten. Typisch Maria. Sie war nie ganz zufrieden mit ihrem Werk und hat immer nach Verbesserungen gesucht.
 

Du begleitest ihr Werk auch nach ihrem Tod? 
Den Nachlass von Maria Hafner pflegt das Bildungszentrum Mattli in Morschach, wo Maria viele Kurse gab. Ich war im OK zu ihrem 100. Geburtstag und habe Ausstellungen organisiert, um Marias spannenden Zugang zur christlichen Botschaft zu verbreiten. 
 

Worin besteht dieser Zugang?
Der Glauben von Maria gründet auf zentralen biblischen Geschichten, insbesondere um die Person Jesu. Was die Bibel erzählt, wie das von Theologinnen und Theologen interpretiert wird und wie die Kirche das lebt und in der Geschichte gelebt hat, das hat Maria intensiv studiert. Entscheidend war ihr dabei, die Bibel im Kontext ihrer eigenen Lebensgeschichte zu meditieren und so zentrale christliche Werte zu verinnerlichen. 

 

Typisch Maria – sie war nie ganz zufrieden mit ihrem Werk und hat immer nach Verbesserungen gesucht.

 

Kannst du etwas berichten über die Veranstaltungen zu ihrem 100. Geburtstag?
Zum Gedenken ihres 100. Geburtstags regte das OK Veranstaltungen an, welche die Vielfalt von Marias Schaffen auffächerten. Spannend war die Ausstellung im Mattli, welche das malerische Werk von Maria ins Zentrum rückte, von den Blumen und Stillleben in Aquarell auf Papier über ihre Skizzenbücher bis zu den grossen Bilderzyklen in Acryl auf Leinwand. 
 

Carl Rütti hat ein Oratorium komponiert zu Marias Bildern und Texten «David – Mensch, König, Gottessohn». 
Dieses Werk wurde in der reformierten Kirche in Zug ein Gottesdienst mit Tanzimprovisationen uraufgeführt. 
 

Auch der Komponist Matthias Müller hat sich mit dem Werk von Maria Hafner auseinandergesetzt.
Ja, zum Zyklus «Nichts als das Ganze», in dem Maria das theologische Werk von Pierre Teilhard de Chardin in Bildern und Texten interpretiert, schuf Matthias Müller das symphonische Werk «Le coeur de la Matière». 
 

Und eure Ausstellung «Dein Gesicht will ich sehen» in St. Maria in Emmenbrücke.
Maria hat zur biblischen Erzählung «Heilung der blutflüssigen Frau» diesen Bilderzyklus geschaffen: Eine Frau, ausgelaugt von starken Blutungen und wegen ihrem Kranksein gesellschaftlich geächtet, gibt all ihr Vermögen erfolglos für Heiler aus. In letzter Verzweiflung sucht sie Heil bei Jesus. 
 

Diese Geschichte hat auch einen biografischen Bezug?
Ja, wie eigentlich alle ihre Bilderzyklen. Als junge Frau war Maria todkrank. Ein Seelsorger hat ihr geholfen, dass sie wieder an sich, an ein Heil-Werden in Gott glauben konnte. Und ihre Lebensenergie floss wieder. Zwar nicht ganz ohne spätere Lebens- und Gesundheitskrisen, aber schöpferisch bis ans Lebensende.

 

Ausserdem finden Sie hier eine Bildbetrachtung zu einem Werk aus dem Bilderzyklus «Wechselnde Pfade» von Maria Hafner.

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