Schneeflocken und Tagträume
Jacqueline Keune 08.02.2026
Wir wissen nicht, was alles in uns steckt, bevor wir es nicht versucht haben. «Nur leben entwirft vom Leben lebendige Bilder» (Kurt Marti).
Noch ersetzen die Gelenke nicht den Wetterbericht, aber sie sind nicht mehr das, was sie mal waren. Die Stimmen der Vergangenheit werden lauter, die Versprechen der Zukunft leiser. Und im Bus stehen die ersten meinetwegen auf …
Noch atmet
Im Dezember habe ich meine erste AHV-Rente erhalten. Es hat mich überrascht, wie seltsam es sich angefühlt hat. Nicht, weil ich mich immer noch wie mit 40 fühlen würde, sondern weil ich nicht fassen kann, wo die Jahre hin sind. Und dass aus der Disco-Queen, die durchs Pfarreisäli fegt, und der Studentin, die Wolfgang Haas ihren Unmut ins Gesicht wirft, unmerklich eine Seniorin geworden ist. Aber noch atmet vom Zorn und von der Lebendigkeit in mir – und der Neugierde.
Super-Vision
In der Küche probiere ich besonders gern aus. Womit dem faden Tofu etwas eingeheizt werden könnte. Wie sich der Fenchel würziger zubereiten liesse als in der Bouillon. Oder wie das Dessert mit Himbeeren, statt der vorgesehenen langweiligeren Pfirsichen schmecken würde. Auch auf unseren Wanderungen wandle ich gern ab und steige noch rasch auf den Hügel am Weg, um zu schauen, was dahinter liegt. Oder ob sich auch jenseits des Grates eine Super-Vision verbirgt. Am liebsten aber probiere ich mit Worten aus: welches hier am schönsten und dort am genauesten wäre.
Donald Trump in Knutwil
In zwei Wochen können wir noch ganz Anderes ausprobieren. Wie es etwa ist, als Automechaniker oder Kioskverkäuferin mal Donald Trump in Knutwil oder Papst in Sursee zu sein. Wobei mir lieber wäre, wenn umgekehrt Donald Trump mal für einen Tag in die Haut eines Automechanikers schlüpfen und sehen würde, wie «great» der Alltag eines fünffachen Vaters tatsächlich ist. Oder wenn der Papst mal einen Nachmittag lang zur Kioskverkäuferin würde, um zu hören, mit welchen Fragen sich ganz normale Menschen herumschlagen müssen, und welche ihnen piepegal sind.
Mein allergrösster Wunsch aber wäre, dass Wladimir Putin ausprobieren würde, was es mit den Menschen im Nachbarland, was mit den Menschen auf der ganzen Welt und was mit ihm selbst machen würde, wenn er morgen den Befehl ausgäbe: Alle russischen Soldaten, alle russischen Panzer, alle russischen Drohnen zurück nach Hause!
Taumel im Herzen
Ausprobieren meint, nicht immer so fort und fort zu leben, wie wir es schon immer getan haben. Meint, das Neue, das in mir drin wächst, nicht zu überhören, meint mehr Taumel im Herzen, mehr Momente von Glück und weniger Ungelebtes in mir. Ausprobieren lässt erschauern, macht freier, macht mutiger, macht widerstandsfähiger. Und die Neugierde von Seniorinnen ist oft weit weiser, als es die Gewissheiten von Disco-Queens je waren … Und der liebe Gott hat nicht nur den Rosenkohl, sondern auch die Himbeeren erfunden. Und die Ewige nicht nur die Vergänglichkeit erschaffen, sondern auch die Wasserfälle und die Wolkenbilder, die Gänsehaut und den Morgentau, die Schneeflocken und die Tagträume. Man muss die Angel nur dort werfen, wo die Fische sind!
Zur Person
Jacqueline Keune ist Theologin aus Luzern. Sie schreibt 2026 als Gastautorin für das Pfarreiblatt.
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