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Schau hin!

Jacqueline Keune 12.03.2026

Probleme weichen nicht durch Wegsehen, Probleme wachsen. Aber Hinschauen bedeutet auch anerkennen, dass ich selber Teil des Problems bin.

Auf der Autobahn wird nicht dort am langsamsten gefahren, wo Temporeduktionen dies verlangen, sondern dort, wo auf der Gegenfahrbahn Fahrzeuge auf dem Dach liegen und Krankenwagen blinken. Dort wird abgebremst und hingeschaut. Aber nicht jede Not erfährt die gleiche Aufmerksamkeit, denn bei den Hungernden von Jemen, von Nigeria und Gaza verhält es sich mit dem Hinschauen wieder anders. Aber es muss nicht Gaza sein, manchmal reichen auch monatelange körperliche Beschwerden oder jahrelange Beziehungsprobleme nicht aus, dass jemand hinschaut.

Unsagbarer Mut
Viele der jungen Menschen, die in der Neujahrsnacht schwerste Verbrennungen erlitten haben, sind immer noch einbandagiert. Ich stelle mir vor, wie es sein muss, wenn die Verbände weggenommen werden und die Verwundeten zum ersten Mal die versehrten Körper, zum ersten Mal in einen Spiegel und ihr Gesicht sehen. Ich stelle mir vor, welchen Mut, welchen unsagbaren Mut es braucht, hinzuschauen.
Ich habe die grösste Hochachtung vor denen, die es schaffen. Und ich habe alles Verständnis für jene, die es nicht können.

 

Nicht jede Not erfährt dieselbe Aufmerksamkeit.



Aus Notwehr
Nichts hat mich in den vergangenen vier Jahren so bewegt und beteiligt wie der russische Überfall auf die Ukraine. Jeden Tag greifen mir die Nachrichten aus dem Land, von dem ich vor dem Krieg keine fünf Städte hätte aufzählen können, ans Herz. Und seit jenem anderen Überfall, jenem des Mächtigsten auf sein eigenes Land und die halbe Welt, treiben mich auch diese Nachrichten oft bis in den Schlaf hinein um. Ich finde kaum mehr Worte für die Unmenschlichkeit und ertrage vieles kaum mehr. Und ich beginne zu verstehen, dass Menschen gar nicht mehr wissen wollen, was geschieht, dass es ihnen einfach zu viel wird und sie nicht mehr hinschauen – quasi aus Notwehr.


Keine Airbags
Aber auch wenn Wegsehen nicht einfach Gleichgültigkeit meint, und auch wenn es keine Airbags gibt, die die Nachrichten und Bilder abfedern können, so bleibe ich dabei: Schau hin!
Ich will hinschauen, weil Tatsachen nicht aus der Welt geschafft werden, indem man sie ignoriert. Ich will hinschauen, weil Wegsehen auch stille Zustimmung sein kann. Und ich will hinschauen, weil es sich in meinem bisherigen Leben nie als gut erwiesen hat, wenn ich weggesehen habe, wo ich hätte hinschauen sollen. Im Moment war das Wegsehen zwar angenehmer, aber aufs Ganze betrachtet habe ich dafür immer einen Preis bezahlt. Und bei einem US-Präsidenten müssen wir erst recht hinschauen, weil er schlicht der mächtigste Mann der Welt ist. Wegsehen stärkt in aller Regel die Täter, hinschauen die Opfer des Unrechts.
Nicht bloss einmal habe ich in meinem Leben erfahren, dass es der Anfang von etwas Neuem, etwas Besserem gewesen ist, wo ich den Mut gefunden habe, hinzuschauen. Dass etwas hat anders, dass ich selber habe anders werden können, weil das Hinschauen ins Handeln geführt hat.

 

Jacqueline Keune ist Theologin aus Luzern. Sie schreibt 2026 als Gastautorin für das Pfarreiblatt.

 

Bild: CC0 Pexels
 

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