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Nicht jede Hilfe hilft

Jacqueline Keune 11.10.2026

«Vernachlässige nicht dein eigenes Feld, um das eines anderen zu jäten» (aus China). Auch Helfen muss sein Mass kennen.

Der Erstklässler versucht vergeblich, die Türklingel zu erreichen. Da kommt der Schuldirektor des Wegs, zeigt sich hilfsbereit und klingelt. Darauf packt ihn der Kleine am Arm und meint: «Nun aber nichts wie weg!» Nein, es ist nicht einfach mit dem Helfen …

 

Ungebeten
Ich weiss, wovon ich spreche, weil es eine Zeit gab, in der ich fast Weltmeisterin im Helfen war. Ich habe sofort gemerkt, wenn jemand Hilfe gebraucht hat – nicht selten, bevor die Betroffenen es selber gemerkt haben ... Ich habe alles stehen und liegen gelassen, habe übernommen, bevor ich überhaupt gefragt wurde, habe die eigenen Grenzen überschritten und – die der anderen.
«Zu wenig geben ist Diebstahl, zu viel geben ist Mord», hat das die Psychoanalytikerin Ruth Cohn einst genannt. Und ich, ich habe mass- und fraglos gegeben – bis zu dem Moment, als ich selber Hilfe gebraucht habe.

 


Nicht allein lassen
«Du hast das und das», «Mach doch dieses und jenes», «Lach doch wieder mal!» Gute Ratschläge, grosse Blumensträusse, aber auch gekränkter Rückzug, wenn ich nicht konnte oder wollte.
All das – ohne jeden Zweifel – gut Gemeinte, es hat mich weggeschwemmt, nicht hineingenommen, wo ich mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, als hineingenommen zu werden.
Es braucht Demut, einem Menschen nicht ins Leben zu greifen. Und es braucht Geduld, einen Menschen den eigenen Weg finden und ihn trotzdem nicht allein zu lassen. Ähnlich einem Kind, das mit dem Reissverschluss seiner Jacke kämpft. Noch bevor es ein Gefühl von Freude empfinden kann, es selbst geschafft zu haben, möchte schon jemand die eigene Ungeduld loswerden und erledigt die Sache mit zwei Handgriffen.
Nicht jede Träne muss sofort getrocknet, nicht jede Stille sogleich beredet werden. Und nicht das Tun ist das Schwierige am Helfen, sondern das Lassen.

 

«Was willst du …?»
Helfen fühlt sich gut und grosszügig an. Und wer hilft, steht auf der stärkeren Seite – geben macht überlegen, nehmen verletzlich. Und die Geste der Hilfsbereitschaft kann leicht zu einer Bühne werden, auf der sich die Gebenden ihrer eigenen Güte versichern.
Es gibt eine Hilfe, die klein macht und mit Scham bezahlen lässt. Vielleicht war das der Grund, dass Jesus von Nazaret oft zuerst gefragt, bevor geholfen hat: «Was willst du, dass ich dir tue?» Und auch wenn die gekrümmte oder gelähmte Not offen zutage lag: Der Bruder aus Galiläa hat sich nicht angemasst, besser zu wissen, was der oder die andere gebraucht hat als die Bedürftigen selbst.

 

 

Und nicht das Tun ist das Schwierige am Helfen, sondern das Lassen.

 

 

Raum für Weitere
Oder der gute Samariter: Er hat sich um den Verletzten gekümmert, ihn aber nicht von sich abhängig gemacht – im Gegenteil. Er hat ihn dem Gastwirt übergeben, um wieder sein eigenes Feld jäten zu können. Er ist nicht geblieben, um sich am eigenen guten Werk zu wärmen, sondern hat Raum für weitere Helfende geschaffen. Und ist verschwunden, bevor er zum Helden werden konnte.
Mich überflüssig machen, statt unentbehrlich. Und mich erkennen lassen, dass ich vielleicht gar nicht so unverzichtbar bin, wie ich das zuweilen meine …
 

Zur Person: Jacqueline Keune ist Theologin aus Luzern. Sie schreibt 2026 als Gastautorin für das Pfarreiblatt.

 

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