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Mehr als ein Regal voller Kleider

Rebekka Dahinden 12.05.2026

Der Offene Kleiderschrank in Sursee ist für armutsbetroffene Menschen da: mit Kleidung und auch mit einem offenen Ohr.

«Einen Rucksack für mein Kind, eine Jacke und Sommerschuhe für mich.» Lorena D.* hält lachend hellblaue Sandaletten in die Höhe. Es ist nicht ihr erster Besuch im Offenen Kleiderschrank. Immer wieder kommt sie hierher, um für sich und ihre Familie Kleider zu holen.

Die Mutter einer zwölfjährigen Tochter gehört zu den rund hundert Familien, die pro Jahr das Angebot der kostenlosen Kleiderabgabe nutzen. Ins Leben gerufen wurde der Offene Kleiderschrank von der Sozialen Arbeit der Kirchen Sursee. Er feiert diesen Frühling sein zehnjähriges Bestehen. Ein kleines Jubiläum für ein Angebot, das für viele Menschen von grosser Bedeutung ist: Der Offene Kleiderschrank richtet sich an armutsbetroffene Personen aus Sursee und Umgebung, die sich keine Kleidung im Laden leisten können und auf Spenden angewiesen sind. Betrieben wird der Kleiderschrank von freiwillig engagierten Helferinnen.

 

 

Wer hier vorbeikommt, soll sich angemessen und würdig kleiden können.

 

 

Sortieren, helfen, zuhören

Zu ihnen gehören Gisela und Patricia. Seit der Eröffnung des Offenen Kleiderschranks sind sie mit dabei. Sie sortieren, prüfen, falten und räumen die gespendeten Kleider ein und achten darauf, dass nur gut erhaltene Stücke in den Regalen landen. «Wir sind wie eine kleine Boutique», sagt Patricia. «Wir wollen keine abgetragenen, schmutzigen oder defekten Waren anbieten.» Wer hier vorbeikommt, soll sich angemessen und würdig kleiden können, das ist den beiden Frauen wichtig.

Um Beratung werden sie selten gefragt. «Die meisten wissen genau, was sie suchen», sagt Gisela. Weit wichtiger als die Beratung ist oftmals das Gespräch. «Wir haben Kundinnen und Kunden, die den Austausch mit uns schätzen und ihn bewusst suchen. Man spürt schnell, ob die Leute reden möchten oder lieber nicht.»

Lücken im Sortiment

Während Gisela und Patricia am grossen Tisch Kleider zusammenlegen, streift Lorena D. durch den Raum. Sie hat bei der Sozialen Arbeit der Kirchen ein Zeitfenster gebucht. Eine halbe Stunde bleibt ihr für die Kleidersuche. Sie bleibt beim Kinderregal stehen. «Ich bringe die Kleider meiner Tochter oft auch wieder hierher zurück», erzählt sie. «Kinder wachsen so schnell, brauchen ständig neue Sachen. Und leider ist die Auswahl hier nicht sehr gross.» Das bestätigt auch Gisela. Grundsätzlich sei das Sortiment breit, doch es gebe Lücken. Vor allem fehlen Kleider für Kinder und Jugendliche in den Grössen 134 bis 176. Auch Kleidung für junge Männer sowie Schuhe ab Grösse 44 sind knapp. Zum Schulanfang werden auch Kindergartentaschen und Schulrucksäcke zur Mangelware.

 

 

«Wir haben Kundinnen und Kunden, die den Austausch mit uns schätzen und ihn bewusst suchen.»

 

 

Ein Kleiderschrank, der sich entwickelt hat

Wer sich im Offenen Kleiderschrank umschaut, entdeckt einiges in den Regalen und Schränken: von Kleidern über Accessoires und Taschen bis hin zu Schuhen und Bettwäsche. Das Sortiment sei in den zehn Jahren stetig gewachsen, erzählt Patricia. Mit dem wachsenden Angebot hat sich auch der Raum weiterentwickelt. «Wir durften den Offenen Kleiderschrank selbst einrichten. Wir haben Regale aufgestellt und praktische Lösungen geschaffen, damit die Kleider gut präsentiert werden können.» Trotz der eher dunklen Lage im Erdgeschoss des Murihofs wirkt der Raum freundlich. Spiegel laden zum Anprobieren ein, Bilder mit mehrsprachigen Beschriftungen helfen bei der Orientierung.

Dankbarkeit als grösster Lohn

Familien dürfen jeden zweiten Monat vorbeikommen – eine Regel, die für Fairness sorgt. «So hat es für alle genug», sagt Patricia. Manche Kundinnen und Kunden kommen regelmässig, andere schauen sporadisch vorbei.

Patricia und Gisela sind sich einig: Die Arbeit hier ist sinnstiftend. Sie ist meist schön, manchmal aber auch belastend. Gisela erinnert sich an einen eisigen Wintertag: Eine Familie mit zwei kleinen Kindern kam in Sandalen und ohne Jacken. «Wir mussten lange suchen, bis wir die Familie angemessen einkleiden konnten.» Menschen in solchen Notsituationen zu sehen, gehe ihr nahe, sagt Gisela.

Gleichzeitig erleben sie bei ihrem Engagement viel Dankbarkeit: So bringt eine Kundin von ihren Heimatreisen immer wieder kleine Aufmerksamkeiten für die Helferinnen mit. Allgemein ist die Kundschaft sehr freundlich und froh, dass es dieses Angebot gibt. «Diese Dankbarkeit», da sind sich Patricia und Gisela einig, «ist der Lohn unserer Arbeit.»

 

*Name und Details der Person wurden anonymisiert.

Fotos: Rebekka Dahinden

Der Offene Kleiderschrank in Zahlen (2025)

  • 101 Familien und Einzelpersonen wurden unterstützt 
  • 54 Halbtage war der Offene Kleiderschrank geöffnet 
  • 292 Termine wurden gebucht 
  • 11 Freiwillige engagieren sich aktuell im Offenen Kleiderschrank 
  • 45–50 Kleidersäcke werden durchschnittlich pro Monat abgegeben

 

Mehr Informationen zum Offenen Kleiderschrank und zur Kleiderspende finden Sie hier.

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