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Kapelle Mariazell

Christa Wandeler-Wey 14.04.2026

Die Lauretanische Litanei in Bildern – ein himmlischer Blickfang.

Die Kapelle Mariazell liegt auf einem Moränenhügel mit Blick über den Sempachersee bis weit in die Voralpen. Wer den Ort besucht, erlebt nicht nur eine eindrucksvolle Aussicht, sondern auch eine reiche Bilderwelt, die den Weg der Marienverehrung von Loreto nach Sursee sichtbar macht. Im Zentrum steht eine bemalte Felderdecke mit 34 marianischen Symbolen. Sie sind inspiriert von der Lauretanischen Litanei.

 

Ursprünge der Wallfahrtskirche Mariazell

Die älteste Kapelle von Mariazell stand ursprünglich nicht auf der Anhöhe, sondern unten am See. Erste Erwähnung findet die Celle (1275) oder Cellakapel (1371) als Filialkirche von Sursee. Ihre legendarische Vorgeschichte reicht sogar ins 11. Jahrhundert zurück: Freiherr Selinger von Wolhusen († 1099) soll auf der Halbinsel ein Schloss mit Kapelle besessen haben. Nach schweren Schicksalsschlägen trat er ins Kloster Einsiedeln ein und war dort von 1070–1090 Abt. Sein Besitz, darunter die Güter in Sursee, ging an das Kloster über. Ab dem 14. Jahrhundert setzte Einsiedeln einen Kaplan für die Pilger ein – die kleine Kapelle wurde jedoch bald zu eng. Deshalb entstand die heutige Kapelle auf der Anhöhe und wurde 1658 von Bischof Jodok Knab von Lausanne (1593–1658) geweiht. Ein Steinkreuz am Seeufer markiert seit 1723 den Standort der ursprünglichen Kapelle. Vom Kloster Einsiedeln ging Mariazell 1807 an den Kanton Luzern, 1973 letztlich an die Kirchgemeinde Sursee über.

 

Sichtbare und unsichtbare Parallelen zur Kapelle Hergiswald

Die Kapelle Mariazell steht in auffälliger Nähe zur Gnadenkapelle von Hergiswald – nicht nur geografisch und zeitlich, sondern auch in ihrer ikonografischen Gestaltung. Der Neubau fällt in eine Hochphase marianischer Frömmigkeit, in der Mariengedenkstätten grosse Beliebtheit genossen. Die rund 20 Kilometer südlich von Sursee gelegene Kapelle von Hergiswald zählt zu den bekanntesten der Luzerner Landschaft. Dass sie sich zu einem bedeutenden Marienheiligtum entwickelte, ist wesentlich dem Kapuzinerpater Ludwig von Wyl (1594–1663) zu verdanken. Er initiierte den Ausbau der Kapelle nach dem Vorbild von Loreto. Nach seinen Vorgaben schuf Kaspar Meglinger (1595 – um 1670) 1654 den berühmten Bilderhimmel mit über 300 Marienemblemen. Nur wenige Jahre später wurde auch die Kapelle Mariazell von einem unbekannten Künstler mit einer vergleichbaren Bilderdecke ausgestattet – eine Parallele, die kaum zufällig scheint. Welche konkrete Rolle Pater Ludwig dabei spielte, lässt sich anhand der Quellen nur vermuten. Möglich ist, dass sein Weg als Provinzial zwischen Hergiswald und dem Provinzkapitel in Solothurn am Kapuzinerkloster Sursee und der im Bau befindlichen Kapelle Mariazell vorbeiführte.

 

Von Nazareth über Loreto nach Sursee

Unter den vielen Pilger und Pilgerinnen seiner Zeit besuchte auch der Kapuziner von Wyl das italienische Loreto, einen der ältesten Marienwallfahrtsorte der Welt. Der Legende nach steht dort die Santa Casa, das Geburtshaus der Maria. Engel sollen im Jahr 1295 dieses Haus aus Nazareth, das damals unter muslimische Herrschaft geraten war, nach Loreto getragen haben. Von hier aus verbreitete sich der Loretokult rasch über die Alpen. Zahlreiche Nachbauten der Santa Casa entstanden nördlich der Alpen, so auch in Hergiswald. Zugleich gewann die Lauretanische (d.h. von Loreto) Litanei als Gebetsform stark an Bedeutung. In der Hergiswalder Bilderdecke sind Motive der Litanei dargestellt und mit lateinischen Überschriften versehen. Mehr als zwanzig dieser Darstellungen finden sich auch in der Kapelle Mariazell wieder, hier allerdings mit deutschen Bildtiteln.

 

Felderdecke mit 34 Mariensymbolen

Beim Betreten der Kapelle Mariazell fällt der Blick zuerst auf die drei Altäre im Chorraum. Als Werk der berühmten Bildhauerwerkstatt Tüfel von Sursee zählen sie zu den bedeutendsten Zeugnissen des Luzerner Frühbarocks. Wie in realen Wohnkammern stellen plastische Holzfiguren drei Ereignisse aus dem Leben Marias dar: ihre Geburt und ihren Tod in den Seitenaltären, die Verkündigung im Hochaltar. Hoch hinauf führt der Blick dann auf die farbenfrohe Bilderdecke, so dass man sich zur ausgiebigen Betrachtung hinsetzen muss. 35 Bildtafeln fügen sich in sieben Reihen zu einer hölzernen Tafeldecke zusammen. Als Mitte ist die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind auszumachen, rundherum formieren sich die anderen Bildmotive. Restauratoren haben die Ölgemälde mit grosser Gewissheit in die Bauzeit der Kapelle datiert. Im Lauf der Jahrhunderte führten mehrere Renovationen zu Veränderungen des ursprünglichen Bildprogramms: Darstellungen wurden übermalt oder erneuert. Geblieben ist die einzigartige Sammlung von marianischen Motiven, inspiriert von der Symbolsprache der Lauretanischen Litanei.

 

Die Lauretanische Litanei in Bildern

Die Lauretanische Litanei ist nach der Allerheiligenlitanei die älteste kirchliche Litanei. Nach einer Flut neuer Litaneien im Mittelalter erlaubte Papst Clemens VIII. (1536–1605) im Jahr 1601 nur noch diese beiden Litaneien für offizielle Liturgien. Die Litanei (altgr. λιτανεία litaneía – Bittgebet) besteht aus einer Reihe von Anrufungen, die jeweils mit dem Ruf Bitte für uns beantwortet werden. Unter den 47 marianischen Titeln finden sich – neben geläufigen wie Mutter, Jungfrau, Helferin und Königin – 13 sogenannte Symbolanrufungen. Diese poetischen Bilder inspirierten die Kunstmaler. Spiegel der Gerechtigkeit, Turm Davids, Arche des Bundes oder Pforte des Himmels sind Beispiele aus der Lauretanischen Litanei, die in der Decke von Mariazell auftauchen. Diese Bilder übertragen biblische Weisheits- und Rettungssymbole auf Maria und machen ihre Bedeutung für Gläubige sichtbar. Inspiration für die bildnerische Umsetzung haben wohl die gedruckten Emblembücher gegeben, die damals sehr beliebt waren. Werke wie Mondo simbolico von Filippo Picinelli (1604–1679) oder Speculum imaginum von Jacob Masen (1606–1681) boten mit Tausenden von Sinnbildern ikonographische Vorlagen.

 

Sinnbilder verbinden Himmel und Erde

Die Betrachtung der Bilderdecke verlangt Zeit, Musse und den Blick nach oben. Dieses bewusste Hinaufschauen ist Teil der Erfahrung: Die Suche nach dem Göttlichen gelingt selten mühelos. Maria steht hier symbolisch zwischen Himmel und Erde. Die Bilder helfen, diesen Zugang sichtbar zu machen. Nicht nur der Blick nach oben fordert Ausdauer, auch die Entschlüsselung der Symbole ist nicht ganz einfach. Eines dieser Sinnbilder sei hier zuletzt beschrieben: Der Spiegel der Gerechtigkeit geht zurück auf das Buch der Weisheit (Buch der Weisheit 7,26). Was dort der göttlichen Weisheit zugesprochen wird, bezieht die Litanei auf Maria: Als makelloser Spiegel führt sie die Güte und Gerechtigkeit Gottes vor Augen. Der Blick in diesen Spiegel verwandelt – hin zu einem Abbild Gottes. Weitere 33 Motive warten darauf, von Besucherinnen und Besuchern persönlich entschlüsselt zu werden.

Die Kapelle Mariazell ist nicht nur ein kunsthistorisches Denkmal. Sie ist ein Ort, an dem sich Geschichte, Glauben und Natur auf besondere Weise treffen. Wer hier verweilt, entdeckt – in der Weite der Landschaft wie im Blick auf die Decke – Bilder, die Himmel und Erde miteinander verbinden.

 

Erstpublikation: theos

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