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Irgendwo, irgendwie

Jacqueline Keune 03.04.2026

«Die Nacht wird nicht ewig dauern. Es wird nicht finster bleiben. Die Tage, von denen wir sagen, sie gefallen uns nicht, werden nicht die letzten Tage sein.» (Helmut Gollwitzer)

Menschen hoffen wider bessres Wissen, gegen alle Wahrscheinlichkeit und Erfahrung. Menschen klammern sich gegen jede Vernunft an die Hoffnung, belügen sich selbst und lassen sich belügen, um nicht unterzugehen. Im Roman von Jurek Becker lässt Jakob die Menschen im Ghetto glauben, dass er heimlich Radio höre. Er erfindet für die Verzweifelten Nachrichten von günstigem Kriegsverlauf, damit sie den Mut nicht verlieren. Hoffnung, gewoben aus Lüge, aber Hoffnung. Auch ich könnte nicht ohne sie sein.

 

Wie das Alleluja singen?
Man muss sich ihrer immer neu versichern. Oder wie sonst kann die alte Einsame, die keinen Menschen mehr hat, an der Hoffnung festhalten? Wie die frisch Pensionierte, die wegen einer 20 Jahre Jüngeren verlassen worden ist? Wie der dreifache Vater, der die Diagnose «unheilbar» erhalten hat? Und wie kann ich selbst in den Osterjubel einstimmen, wo an den grössten Hebeln der Macht Herz- und Gewissenlose sitzen, die ganze Länder ins Elend stürzen und am eigenen Machterhalt ungleich mehr interessiert sind denn am Wohl der Völker, die ihrer Führung anvertraut bzw. ausgeliefert sind?

 

Helm der Erinnerung
Ja, es gibt vieles, was Hoffnung raubt. Und es gibt vieles, was Hoffnung macht. Etwa Wladislaw Heraskewytsch, der sich an der Olympiade geweigert hat, seinen Helm abzulegen. Der Skeletonpilot hat darauf 20 ukrainische AthletInnen abgebildet, die der Krieg um ihre Leben gebracht hat. Der 27-Jährige hat die Erinnerung an die Gemordeten einer möglichen Medaille vorgezogen. – Und hoffen machen mich alle Träume, die sich nicht aus dem Kopf schlagen lassen, alle Rede, die der Unmenschlichkeit ins Wort fällt, alle Mütter, die mit ihren Kindern Blumen auf den Balkonen säen, alle Zweige, die das Lied eines Vogels tragen, alles frische Grün, das den Waldboden überzieht. Der Arvenwald, der auch nach Hunderten von Jahren noch dasteht, krumm und knorrig, aber noch da. Gerade im Augenblick des Staunens glaube ich, dass das Leben irgendwo, irgendwie aufgehoben ist.

 

Keine Hors-sol-Hoffnung
Meine tiefste Hoffnung aber, ist die Nachricht von der Auferstehung, weil sie keine Hors-sol-Hoffnung ist, sondern eine auf dem Grund des Karfreitags gewachsene. Weil sie nicht im Licht wurzelt, sondern im Dunkel, aus dem einer seine ganze Verlorenheit hinausschreit.
Ostern bringt die Schreie der Welt nicht zum Schweigen, sondern lässt sie neu hören, gestärkt von der Gewissheit, dass das letzte Wort nicht dem Tod, sondern dem Leben gehört. Es keimt überall dort, wo wir uns auf die Bewegung des Auferstandenen einlassen, wo wir nicht liegen bleiben, wo wir nicht Zuschauende bleiben, wo wir nicht fragen, was uns geschieht, wenn wir unsere Stimmen erheben, sondern was den Bedrängten geschieht, wenn wir schweigen.

Das neue Leben, es knospt überall dort, wo wir weniger Angst haben und mehr zeigen, wer wir sind. Wo wir uns nicht der Resignation überlassen, sondern etwas von dem wahrmachen, was wir doch schon so lange an Wahrheit und Sehnsucht in uns tragen.

 

Zur Person
Jacqueline Keune ist Theologin aus Luzern. Sie schreibt 2026 als Gastautorin für das Pfarreiblatt.

 

Bild: Aliarc Duan/unsplash
 

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