Im Gedächtnis bewahren und Erinnerungsorte schaffen
Andreas Baumeister 14.09.2026
Wie sich die Formen des Abschieds von einem geliebten Menschen verändern und warum Erinnerungsorte und Rituale wichtig bleiben.
Noch vor 25 Jahren wurde an der Gemeindeversammlung in Geuensee über eine Vergrösserung des bestehenden Friedhofsareals diskutiert. Der Friedhof schien durch die grosse Zahl an Erdbestattungen und Familiengräbern aus allen Nähten zu platzen. Heute, nach der Neugestaltung des Geuenseer Friedhofs, sind weite Teile des Geländes als Begegnungs- und Verweilzonen gestaltet, weil die bestehenden Familiengräber aufgehoben und nicht wieder belegt wurden.
Bestattunsformen sind heute andere
In meiner Zeit als Pfarreiseelsorger in Geuensee habe ich noch keine Erdbestattung erlebt. Im katholischen Kanton Luzern ist heute nicht nur in Geuensee die Kremation und die Urnenbestattung die gängige Wahl der Bestattungsform. Viele ältere Menschen wünschen sich eine Urnenbestattung im Gemeinschaftsgrab, um ihren Angehörigen nicht zur Last zu fallen. Das Bestattungswesen hat sich in den zurückliegenden zehn Jahren grundlegend verändert und wird sich weiter verändern.
Die Individualisierung in unserer Gesellschaft macht auch vor der Trauer- und Abschiedskultur nicht Halt. Heute gibt es eine Vielfalt an Formen, wie Angehörige von ihren Verstorbenen Abschied nehmen, um sie zu betrauern und zu bestatten. Ich habe erlebt, wie nach dem Tod eines geliebten Vaters ein Teil seiner Asche mit dem Helikopter über dem Dom verstreut, ein Teil auf dem Friedhof bestattet wurde und ein Teil in einer Urne zu Hause bei der zurückgebliebenen Ehefrau auf dem Buffet steht. Abschiedsfeiern werden heute nicht nur von kirchlichen Seelsorgenden gestaltet, sondern auch von professionellen Ritualbegleiterinnen und Ritualbegleitern – in Kirchen, in Abdankungshallen, Versammlungsräumen oder in der freien Natur.
Die Individualisierung in unserer Gesellschaft macht auch vor der Trauer- und Abschiedskultur nicht Halt.
Erinnerungsort wählen
Als kirchlicher Pfarreiseelsorger scheint es mir wichtig, Angehörige darauf hinzuweisen, wie bedeutsam es ist, in einer Feier oder in einem Ritual von einem geliebten Verstorbenen Abschied zu nehmen und einen konkreten Erinnerungsort zu wählen, an dem man an die geliebte Person denken kann. Wer eine Urne mit der Asche eines geliebten Menschen bei sich zu Hause aufbewahrt, sollte bedenken, ob er oder sie wirklich von dieser Person loslassen kann. Zudem sollte dafür gesorgt werden, dass die Urne nach dem eigenen Tod nicht einfach im Abfallcontainer landet.
Abschied nehmen in Würde
Die sich wandelnde Bestattungskultur nicht nur in Geuensee zeigt, wie sehr sich unsere Gesellschaft und ihre Werte verändern. Doch unabhängig von der gewählten Form des Abschieds bleibt der Wunsch nach Bewahren von Würde und Erinnerung. Es ist eine Aufgabe der Kirchen, aber auch der Gesellschaft, Räume und Rituale zu schaffen, die diesen Bedürfnissen gerecht werden. Denn der Abschied von einem geliebten Menschen ist nicht nur ein individueller, sondern auch ein gemeinschaftlicher Prozess – einer, der Verbindung stiftet und Trost spendet und Menschen über den engen Familienkreis hinaus ermöglicht, von einem Verstorbenen Abschied zu nehmen.
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