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Fragen, die beschäftigen – und Hiob, der inspiriert

Rebekka Dahinden 29.08.2026

In biblischer wie literarischer Gestalt stellt die Hiobsgeschichte zeitlose Fragen: Warum gibt es Leid? Wo ist Gott in diesen Lebenslagen? Und was bleibt, wenn alle Sicherheiten wegbrechen?

Krankheit, Tod und Leid gehören zu den Erfahrungen, die erschüttern und die Betroffenen vor Fragen stellen, denen sich kaum ausweichen lässt: Warum trifft das Leid gerade mich? Hat es einen Sinn? Und wo ist in solchen Momenten Gott, von dem wir glauben, dass er gut und allmächtig ist?

 

Die Grenzen menschlicher Erkenntnis
Da universell-menschlich, liegt es auf der Hand, dass auch in der Bibel diese Fragen zu finden sind. Prominent zur Sprache kommt das Thema in der Geschichte von Hiob: Hiob, ein rechtschaffener und wohlhabender Mann, verliert aufgrund einer Probe, die aus der Auseinandersetzung zwischen Gott und Satan hervorgeht, seinen Besitz, seine Familie und schliesslich auch seine Gesundheit. Er hadert mit Gott und stellt sein Schicksal infrage, jedoch ohne seinen Glauben aufzugeben. Die Geschichte stellt allerdings nicht allein die Frage nach dem Leid in einer von Gott geschaffenen Welt, sondern auch nach den Grenzen menschlicher Erkenntnis: Kann der Mensch Gott und seine Allmacht überhaupt begreifen?

 

Vielseitige Rezeption des biblischen Hiob

Diese Fragen nach Leid, Gerechtigkeit und göttlicher Allmacht beschäftigten nicht nur Theologen, sondern auch Philosophen und zahlreiche Schriftsteller, insbesondere jene jüdischer Herkunft. Viele von ihnen griffen den Stoff auf, um die jahrhundertelange Verfolgung und das Leid des jüdischen Volkes auch künstlerisch zu thematisieren. So gehört zu den bekanntesten literarischen Bearbeitungen der Hiobsgeschichte Joseph Roths Roman «Hiob. Roman eines einfachen Mannes», der 1930 erschien.

Dieser handelt vom frommen Juden Mendel Singer, der mit seiner Familie im russischen Zuchnow lebt. Als viertes Kind wird Menuchim geboren, der mit einer Behinderung zur Welt kommt. Einer seiner Söhne wandert nach New York aus, woraufhin Mendel, seine Frau und die Tochter ihm folgen. In Amerika erlebt Mendel mehrere schwere Schicksalsschläge: Der eine Sohn fällt als amerikanischer Soldat im Ersten Weltkrieg, während sein anderer Sohn als verschollen gilt. Zudem stirbt seine Frau. Seine Tochter, die immer wieder neue Liebhaber sucht, wird schliesslich geisteskrank. 
Mendel ist von diesen Ereignissen zutiefst enttäuscht und verliert seinen Glauben an Gott. Er wendet sich von ihm ab. Am Ende nimmt die Geschichte jedoch eine positive Wendung: Menuchim ist von seiner Behinderung geheilt, zu einem erfolgreichen Musiker geworden und sucht den alten Mendel auf, um sich um seinen Vater zu kümmern.

 

Was in der biblischen Hiobsgeschichte als Verlust persönlicher Sicherheiten erscheint, wird in Roths Roman zum Zerbruch gesellschaftlicher Sicherheiten.

 

 

Wenn Sicherheiten wegbrechen: Jüdische Welt im Umbruch

Der Roman, in den zahlreiche Motive aus der jüdisch-biblischen Tradition einfliessen, thematisiert neben der Theodizeefrage einen weiteren zentralen Aspekt: den Wandel der jüdischen Lebenswelt und den Verlust traditioneller Werte.
Besonders deutlich wird dies am Wegzug der Familie aus dem engen und rückständig scheinenden Russland nach Amerika. Dort, in diesem modern, fortschrittlich und liberal Land, treffen die Figuren auf eine neue gesellschaftliche Ordnung, an deren Lebensweise sie sich anzupassen und in die sie sich zu integrieren versuchen. Wie unterschiedlich dieser Prozess der Assimilation verlaufen kann, zeigt das Werk anhand der jeweiligen Schicksale: Während die einen von der gesellschaftlichen Öffnung und der Abkehr von der traditionellen Frömmigkeit profitieren, führt die Anpassung für andere ins Tragische. Mendel bewegt sich zwischen diesen Entwicklungen: Die neue Welt wird zunächst zur Quelle seines Leids, eröffnet ihm schliesslich jedoch auch einen Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft.
 

 

Wo ist in solchen Momenten Gott, von dem wir glauben, dass er gut und allmächtig ist?

 

Was in der biblischen Hiobsgeschichte als Verlust persönlicher Sicherheiten erscheint, wird in Roths Roman zum Zerbruch gesellschaftlicher Sicherheiten. In beiden Fällen werden Bedenken, Sorgen und Zweifel sichtbar, die auch uns betreffen und existenziellen Fragen hervorrufen. Fragen, die sich kaum beantworten lassen, zu denen man sich höchstens verhalten kann.

 

Wer nachlesen möchte:

  • Buch Hiob
  • Roman «Hiob. Roman eines einfachen Mannes.» 23. Auflage, DTV, München 2002.

 

Neugierig geworden? Im Stadttheater Sursee ist das Stück Hiob zu sehen. Das Stück wird vom Landestheater Tübingen aufgeführt.
Freitag, 23. Oktober, 19.30 Uhr | Stadttheater Sursee

 

Bild: Julius Drost/unsplash

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