Eine Zeit zu bewahren
Jacqueline Keune 01.09.2026
«Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.» (Simone Weil)
Das Herz des fussballbegeisterten Iraners, Vater eines blinden neunjährigen Jungen, hat dies verstanden. Bei jedem Spiel ihrer Mannschaft sitzen die zwei vor dem Fernseher am Boden, zwischen ihnen das selbstgebastelte Spielfeld aus Pappe, über das der Vater die Hand seines Sohnes führt, damit er immer weiss, wo der Ball ist. Und lenkt er diese plötzlich ins Tor der gegnerischen Mannschaft, dann ist der Jubel des Kindes um nichts geringer als der seines Papas.
Menschen können vieles bewahren – auch die Menschlichkeit.
Unsere Zukunft
Auch eine eigene Meinung lässt sich bewahren, das Geheimnis eines Lebens oder die Fähigkeit, zu staunen. Ein Versprechen lässt sich bewahren – in guten wie in schlechten Tagen, oder die Hoffnung auf Frieden, auch noch unter den Bomben. Die Bäuerin aus dem Kongo bewahrt ihr selbstgezüchtetes Saatgut wie den kostbarsten Schatz und das Volk von El Salvador das Andenken an Oscar Romero. Und vielleicht entscheidet sich unsere Zukunft weniger daran, was wir alles an Neuem zu erfinden, als daran, was wir an «Altem» zu bewahren vermögen.
Was bleibt
Mit jedem Tag neue Bilder, neue Informationen, neue Technologien, neue Möglichkeiten. Eine App löst die nächste ab. Ich komme schon länger mit vielem nicht mehr mit und möchte es eigentlich auch gar nicht. Und im Zug schaue ich ungleich lieber zum Fenster hinaus, als mich durch die Welt hindurchzuscrollen. Und je schneller sich alles dreht und je älter ich werde, desto stärker spüre ich in mir eine Sehnsucht nach dem, was bleibt. Nicht gespeichert in einem Computer, sondern bewahrt in einer Aufmerksamkeit.
Zu eigen machen
Bewahren – so sehr ich das Wort liebe, so selten verwende ich es, weil es wie die besondere Flasche Wein für den besonderen Moment gedacht ist.
Bewahren meint mehr denn aufbewahren, meint nicht ein Einfrieren, ein Konservieren von Vergangenem, sondern ein Weitertragen des mir Wertvollen in ein Morgen.
Bewahren ist etwas Lebendiges, und das, was mir kostbar ist, muss ich mir immer neu zu eigen machen, damit es nicht verloren geht.
Wer liebe Briefe in einer Schachtel auf dem Estrich stapelt, bewahrt diese zwar auf. Aber nur wer sie auch immer mal wieder zur Hand nimmt und liest, wird von ihnen auch beglückt und beatmet.
Um vieles ärmer
An nichts in unserer Wohnung hänge ich so sehr wie an unserem tannenen Küchentisch. Seit 40 Jahren sitzen, essen, reden, lachen, weinen wir an ihm. Würden wir ihn, weil alt und des einen Beines wegen wackelig, durch einen neuen ersetzen: Ich würde mich um vieles ärmer fühlen. Bis zum Schluss will ich ihn bewahren. Und wenn ich von all unseren Bildern nur das eine bewahren könnte, dann wäre es der «Cherub» von Ferdinand Gehr, der mir nicht mal besonders gefällt, aber ohne den meine Gegenwart etwas von ihrer Tiefe verlieren würde. Und auch die Hoffnung möchte ich mir bewahren – durch alle Trumps und Putins, alle Lügen und Kriege, alle eigenen Grenzen und Ängste hindurch.
Und den Glauben, dass ich bewahrt bin, lange bevor ich selbst irgendetwas bewahren kann.
Jacqueline Keune ist Theologin aus Luzern. Sie schreibt 2026 als Gastautorin für das Pfarreiblatt.
CC0 Brina Blum/unsplash
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