Ein Kanten Roggenbrot
Jacqueline Keune 13.07.2026
«Alle Tore des äusseren und inneren Wesens schienen weit offen zu sein […] Mit jedem Atemzug nahm er die Weite in sich auf, […] die bis in seine Seele hineinreichte (Peter Dyckhoff).
Stempeluhren, Steuererklärungen, Stundenpläne, Abgabefristen, Arzttermine, Waschtage, Diätpläne, Leistungsziele, Zeugnisnoten, Eignungstests, Krankenbesuche, Bewerbungsgespräche, Joggingrunden, Ratenzahlungen, Mahngebühren, Hausordnungen, Schuldgefühle, Parkgebühren, Altersvorsorge, Passkontrollen, Anmeldeformulare, Badeverbote, Kleidervorschriften, Elternabende, Hausarreste, Nachhilfen, Volksinitiativen, Patientenverfügungen, Weckerrasseln …
Gibt es denn irgendwann in meinem Leben zwei Stunden, in denen ich wirklich tun kann, was ich will?!
Ein grosses Wort
Freiheit ist eines der grössten Wörter, das ich kenne – vielleicht das grösste überhaupt. Und vielleicht so gross, dass ich es gar nicht fassen kann. Wenn ich es jemandem erklären müsste – ich wüsste nicht wie. Was ich aber weiss: Dass Freiheit mehr meint als keine Termine haben, keine Schulden, keine Sorgen, keine Pflichten haben. Denn Stundenpläne mögen einem Alltag zwar lästig sein, gleichzeitig bewahren sie aber auch davor, jeden Morgen neu entscheiden zu müssen, was wir wollen. Und wer einmal richtig Zeit hatte – durch Kündigung, durch Krankheit, durch Ferien, die zu lang wurden –, die und der weiss: Ein leerer Kalender meint noch lange keine Freiheit.
Ein Mensch, der keine Angst hat – nicht, weil er sehr stark ist, sondern weil er grosses Vertrauen in die Güte des Lebens hat –, stelle ich mir frei vor.
Das Ende der Angst
Wenn ich lange darüber nachdenke, was Freiheit im Letzten meint, dann würde ich sagen: das Ende der Angst. Wenn ich mich nicht mehr fürchten brauche. Vor dem, was vielleicht kommt. Vor der Einsamkeit. Vor der Verlorenheit. Vor dem Schmerz. Vor dem Tod – vor allem dem deinen.
Ein Mensch, der keine Angst hat – nicht, weil er sehr stark ist, sondern weil er grosses Vertrauen in die Güte des Lebens hat –, stelle ich mir frei vor. Nicht zuerst frei von etwas, sondern frei für etwas.
Der Jesuit Alfred Delp, der am 2. Februar 1945 von den Nazis erhängt wurde, hat einige Tage vorher in Gestapo-Haft geschrieben: «Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen.»
Ohne Wecker
Auch wenn ich solche Freiheit nie kennen werde, weil ihrer nicht fähig, so weiss ich doch, wie es ist, mich frei zu fühlen. Als Kind hat sich das Gefühl in dem Moment eingestellt, in dem die letzte Schulstunde vor den grossen Ferien vorbei war. Und heute stellt es sich etwa in dem Moment ein, in dem ich mein Nein wage, in dem Moment, in dem ich ganz mich und nicht jemand anders sein will, oder in dem Moment, in dem ich in Chur die Rhätische Bahn besteige und sich der Zug in Richtung Oberengadin aufmacht. Vor mir eine Zeit ohne Wecker, ohne Plan, ohne Druck. Allein eine barfüssige Zeit im Fluss der Tage, «alle Tore des äusseren und inneren Wesens weit offen». Im Rucksack ein Kanten Roggenbrot, ein Stück Geisskäse, ein paar Spalten Apfel und drei Handvoll Tage, die etwas von Ewigkeit atmen.
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