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Dieser Gesang des Lebens

Jacqueline Keune 14.05.2026

«Gehen ist die schönste Art, mich lebendig zu fühlen. Die Erde berühren, freihändig bleiben, aus dem Eigenen schaukeln.» (nach Peter Handke)

Ich habe meine Kindheit draussen verbracht und das Wort «Wetter» nicht gekannt. Es mochte stürmen, es mochte schütten, es mochte schneien – wir waren draussen unterwegs.
Bis zur 6. Klasse konnte ich nicht schwimmen und wusste nichts von Stufenbarren, Sprossenwänden und Kletterstangen, weil es im kleinen Dorf und im Nachbardorf, in dem ich zur Schule ging, weder Schwimmbad noch Turnhalle gab. Aber bewegt habe ich mich fürs Leben gern.
Dann sind wir aus dem Weiler in die Stadt gezogen und alles hat sich verändert. Plötzlich war es wichtig, wie schnell ich laufen, wie hoch und wie weit ich springen konnte – ich habe es gehasst. Bis heute mag ich keinen Sport. Aber das Mich-Bewegen und das davon Bewegt-Werden, das lieb ich noch immer.

 

Schritt halten
Weil es eingangs der Schöllenen zu einem Unfall mit einer Kutsche gekommen war, verbot der Urner Landrat 1901 den Automobilverkehr über die Alpenstrassen. Wer sie trotzdem befahren wollte, musste seinem Automobil Ochsen oder Pferde vorspannen. 1906 legte der Regierungsrat die Höchstgeschwindigkeit auf 12 Kilometer pro Stunde fest. Und als die Automobile bereits 25 Kilometer pro Stunde zurücklegen konnten, wurde davor gewarnt, diese Geschwindigkeit zu häufig zu fahren, da sie der Gesundheit abträglich sei. – Nun, geschadet hat sie vermutlich nicht, aber eine Entwicklung in Gang gesetzt, die nicht mehr von allen verkraftet wird. Ich selber bin am liebsten zu Fuss unterwegs, weil das Gehen das Tempo ist, mit dem meine Seele Schritt halten kann, das mich mit den Dingen in Berührung kommen und mit allem verbunden erfahren lässt.

 

Beine machen
Solange ich am Tisch vor dem Blatt sitze, finde ich die Worte oft nicht. Sobald ich mich bewege (oder von Zug oder Schiff bewegt werde), kommen auch die Gedanken in Bewegung. Nicht wenige Predigten und Briefe sind Bergpredigten und Waldbriefe. Nicht wenige Gedichte Hügelzuggedichte. Es ist, als ob das Gehen auch meinem Herzen Beine machen würde. Und was ich im Gehen denke und fühle, hat meist Bestand. Schon Aristoteles hat seine Schüler nicht im Sitzen, sondern im Gehen gelehrt.

 

Fahrt aufnehmen
Bald feiern wir Pfingsten, die Erinnerung daran, wie es mit uns als Kirche angefangen hat. Nicht mit Hochamt, nicht mit Hochwürden und Heiligem Stuhl, sondern bewegender Kraft, atmendem Segen. Nicht mit Versenkung hat es angefangen, sondern mit Ekstase, erschütterten Herzen und aufgesperrten Türen. Am Anfang nichts von ewiger Wahrheit, reiner Lehre und Enge in der Brust, sondern Weite und Wind, der den Staub aus den Gedanken weht. Ein Beben und Brausen, ein Rauschen in den Köpfen, ein Sturm in den Herzen, Taumel und trunken und Mutfunken, die überspringen. Am Anfang Menschen, die in Bewegung kommen, die Fahrt aufnehmen, die es auf die Strassen treibt.
Eine einzige grosse Bewegung und ein einziges grosses Bewegt-Werden, diese erste Versammlung der Vereinten Nationen in Jerusalem. Dieser Gesang des Lebens, dieser Atem des Himmels – mit nichts zu ersticken.

 

Zur Person
Jacqueline Keune ist Theologin aus Luzern. Sie schreibt 2026 als Gastautorin für das Pfarreiblatt.

 

Bild: Полина Орлова/unsplash.com

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