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«Die Langsamkeit ermöglicht Tiefgang»

Dominik Thali 18.06.2026

Auf Seelsorge.net erhalten Menschen in allen Lebenslagen Beratung, anonym und kostenlos. Das kirchliche Angebot ist gefragt. Auch, weil das Internet hier wider Erwarten mit Langsamkeit punkten kann.

Das Netz ist schnell. Eigentlich. Aber in der Beratung und Begleitung lässt es den Beteiligten auch Zeit. «Die Langsamkeit des geschriebenen Hin und Her ermöglicht Tiefgang», sagt Maria Weibel. Auf schriftlichem Weg werde so «wirkliche Begegnung möglich». Weibel, Paartherapeutin und Theologin, spricht aus Erfahrung. Sie ist seit 2008 Seelsorgerin auf Seelsorge.net, arbeitete lange in der Organisation mit und begleitete neue Seelsorgerinnen und Seelsorger.
Einer von diesen war vor einigen Jahren Eugen Koller. Der Theologe war Pfarreiblattredaktor, Gefängnis- und Psychiatrieseelsorger und ist seit seiner Pensionierung 2023 immer noch Spitalseelsorger. Für Koller ist Seelsorge.net «Gespräch in schriftlicher Form, getragen von einer christ­lichen Grundhaltung». Wichtig sei die Anonymität: Weder erfahren die Seelsorgenden den Namen der Anfragenden noch diese, wer sie begleitet. Ein direkter Kontakt über Mail oder Telefon ist nicht möglich. «Das schafft ein Vertrauen, in dem vieles möglich wird», stellt Koller fest.

 

«Immer echte Menschen»
Wer sich an Seelsorge.net wendet, legt ein Login an und beschreibt seine Situation. Innert 48 Stunden nach der Erstanfrage erhält man die Antwort einer Seelsorgerin oder eines Seelsorgers. Der Austausch erfolgt dann über eine Online-Plattform, auf der beide Seiten nicht mit ihrem richtigen Namen aufscheinen. 
«Wir sind kein Chat, in dem man umgehend eine Antwort erhält», sagt Pascal M. Gregor. «Und auch kein Chatbot. Es sind immer echte Menschen auf unserer Seite.» Gregor, Geschäftsleiter von Seelsorge.net mit einem 40-Prozent-Pensum, sagt, das Angebot sei mit rund 120 Neuanfragen pro Monat ausgelastet. Die rund 30 Seelsorgenden verfassten in dieser Zeitspanne gegen 500 Mails.

 

«Die Unsicherheiten zeigen sich heute stärker.» Maria Weibel, Seelsorgerin auf Seelsorge.net

 

Auch über längere Zeit
Was unterscheidet Seelsorge.net von Telefon 143, der «Dargebotenen Hand»? Diese sei «für den Notfall da, sofort und zu jeder Zeit», erklärt Gregor. Er vergleicht Telefon 143 mit der Ambulanz, Seelsorge.net mit dem Spital oder der Reha. Weibel bestätigt ihn: «Bei uns sind Fachleute bereit, immer für dieselbe Person da zu sein. Und das immer wieder.» Sie begleite manchmal jemanden über eine längere Zeit. Die anfragende Person könne jederzeit den Gesprächsverlauf einsehen und reflektieren. «Sie erfährt dabei, dass ihr Wort zählt und sie ernst genommen wird.» Auf der anderen Seite schätzen die Seelsorgenden diesen Prozess: «Ich kann mir Zeit für eine Antwort nehmen», sagt Koller. Die Hauptthemen sind laut Gregor «seit Jahren unverändert»: Beziehung und Partnerschaft, Sexualität, Heranwachsen, Depressionen, Suizidgedanken, Einsamkeit. Weibel, die auf lange Jahre bei Seelsorge.net zurückblicken kann, sagt, die Unsicherheiten zeigten sich heute stärker. «Menschen stossen oft an Grenzen, fühlen sich desorientierter, suchen Halt und Unterstützung.» Die Themen seien komplexer geworden.

 

Zunehmend junge Menschen
Über die Anfragenden gibt es keine Statistik, weil keine Daten erfasst werden, um die Anonymität zu gewährleisten. Die Seelsorgenden können nur aufgrund der Problembeschreibung Annahmen über die Klientinnen und Klienten treffen. Die meisten Anfragenden seien wohl zwischen 35 und 45 Jahre alt, sagt Geschäftsführer Gregor, zunehmend seien es aber auch Jugendliche ab 14 Jahren.
Manche schrieben bei der ersten Kontaktaufnahme nur wenige Sätze, andere sogleich über ihr halbes Leben, stellt Koller fest. Wichtig sei, dass die Seelsorgenden nur nachfragen, nicht interpretieren und ihre eigene Vorstellung in die Antwort einbrächten.
Für Weibel zeigt sich die christliche Grundhaltung der Seelsorgenden darin, wie sie den Menschen sehen, ihn annehmen und ihm seinen Grundwert anerkennen. «Wir haben keinen Verkündigungsauftrag», betont sie, «und wir sind für alle Menschen offen».
 

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