«Am Anfang braucht es immer ein wenig Überwindung.»
Rebekka Dahinden 25.02.2026
Fasten bedeutet für Hans Studer mehr als Verzicht: Es ist eine persönliche und spirituelle Erfahrung.
Hans Studer, Sie sind mit dem Fasten bestens vertraut. Wie oft haben Sie schon gefastet?
Bestimmt schon fünfzehn Mal. Ich habe dabei verschiedene Formen des Fastens kennengelernt. So war ich etwa im Lassalle-Haus und habe dort an einer organisierten Fastenwoche in der Gruppe teilgenommen. Auch bei der Fastenwoche in unserem Pastoralraum habe ich schon mitgemacht. Zudem habe ich auch alleine gefastet – vor allem zu der Zeit, als ich noch berufstätig war.
Wie erleben Sie eine Fastenwoche körperlich und geistig?
Ich bin klarer im Kopf und aufmerksamer mir selbst, meinem Körper und anderen Menschen gegenüber. Während des Fastens trinke ich viel, mache einen Mittagsschlaf und Leberwickel. Es ist wichtig, dass man sich bewusst Zeit für sich nimmt.
Was bedeutet das Fasten für Sie persönlich?
Fasten ist für mich ein Unterbruch im Alltag; ein Luxus, den ich mir leisten kann. Es ist etwas sehr Persönliches und für mich ein kleiner, aber wichtiger Teil meines Christseins.
Zugleich macht es mir bewusst, dass nicht alle Menschen freiwillig auf Essen verzichten, sondern hungern müssen. Das ist eine Katastrophe. Daraus ergibt sich für mich eine weitere, tiefere Ebene des Fastens.
Fasten ist etwas sehr Persönliches und für mich ein kleiner, aber wichtiger Teil meines Christseins.
Was braucht es Ihrer Meinung nach an Vorbereitung, um an einer Fastenwoche teilzunehmen?
Am Anfang braucht es immer ein wenig Überwindung. Zur Vorbereitung reduziere ich schrittweise meine Nahrung: Zuerst lasse ich Kaffee und Alkohol weg, dann Fleisch und schliesslich alles andere. Ausserdem achte ich darauf, dass ich während des Fastens möglichst wenige Termine habe. Sport mache ich weiterhin, ich bewege mich viel in der freien Natur, tue aber nichts, was ich nicht gewohnt bin. Auch der Wiedereinstieg ins normale Essen nach der Fastenwoche ist sehr wichtig und sollte man vorsichtig angehen.
Sie berichten viel Positives über das Fasten. Gibt es dennoch etwas, das Ihnen dabei schwerfällt?
Am meisten fehlt mir der Kaffee. Verzichte ich von einem Tag auf den anderen darauf, bekomme ich Kopfschmerzen. Darum reduziere ich meinen Kaffeekonsum bereits vor dem Fasten.
Welche Gedanken kehren während der Fastenwoche immer wieder?
Eigentlich keine konkreten Gedanken. Das Fasten ist für mich wie ein Stopp: Jetzt schaust du zu dir. Der Blick geht nach innen und nach oben; ich richte mich ganzheitlich aus. Man merkt während des Fastens: Es geht auch ohne Essen, ohne Alkohol – überhaupt mit viel weniger. Dazu kommt, dass man während des Fastens das Warten lernt. Warten und Verzichten habe ich schon als Kind gelernt: In unserer Familie verzichteten wir in der Fastenzeit auf Süssigkeiten. Geduld lernen, nicht alles sofort haben zu können. Das ist heute kaum mehr üblich. Man will alles immer und sofort.
Sie haben sowohl schon in der Gruppe wie auch alleine gefastet. Wie erleben Sie diese unterschiedlichen Arten des Fastens?
Da ich mit der Praxis vertraut bin, faste ich inzwischen auch gut allein. Für Anfängerinnen und Anfänger ist das Fasten in der Gruppe aber sicher hilfreich. Allgemein hat es für mich einen grossen Wert, Dinge in Gemeinschaft tun zu können und nicht allein machen zu müssen.
Das Fasten ist für mich wie ein Stopp: Jetzt schaust du zu dir.
Nicht nur das Christentum, auch viele andere Religionen kennen die Fastenpraxis. Welche religiöse Bedeutung hat das Fasten für Sie?
Wie bereits gesagt, ist das Fasten für mich persönlich ein bedeutender Teil des Christseins. Religion ist für mich ein Weg, der den Zugang zu Gott ebnet. Sie schenkt Gelassenheit und Vertrauen, mit denen man durchs Leben geht. Das hat mir auch in meiner Arbeit sehr geholfen – in der Entwicklungszusammenarbeit, im Strafvollzug sowie in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung und mit Arbeitslosen.
Gibt es während des Fastens auch Krisen?
Ja, klar. Es gibt Tage, an denen es nicht gut geht. Aber auch diese gehen vorbei.
Wie integrieren Sie die Erfahrungen aus der Fastenwoche in Ihren Alltag danach?
Ich versuche, auch danach gemässigter, bewusster und langsamer zu essen.
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