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Trost meint: bleiben

Jaqueline Keune 01.11.2026

Der stärkste Trost ist nicht der, der die Traurigkeit zu beseitigen sucht. Der stärkste Trost ist der, der sich nicht vor ihr fürchtet.

 

 

Als der Sohn meiner Schwester gestorben ist, hat sie die trostreichen Kondolenzschreiben nicht ertragen. Nicht mal in ihrem Papierkorb hat sie sie ertragen und in einem öffentlichen Abfallkübel entsorgt, damit die Worte weg waren. Als dann ein junger, gutgelaunter «Stift» den Wasserhahn repariert hat, während sie am Küchentisch sass und beim Anblick des jungen Mannes unvermittelt weinen musste, hat er sie gefragt, warum sie traurig sei. «Mein Sohn ist gestorben», worauf der angehende Handwerker laut ausgerufen hat: «Scheisse!» Dieses «Scheisse!» hätte sie mehr getröstet denn alle Beileidsbekundungen.

«Tröstet, tröstet!»

Trostpflaster, Trostpreise, Seelentrost – es gibt viele Tröstungen. Von der eigentlichen Kraft des Trostes aber kommt mir dort entgegen, wo alles nur noch trostlos oder ein Mensch einfach untröstlich, mit gar nichts zu trösten ist. Dort werde ich daran erinnert, dass Trost nichts Harmloses, sondern in seinem Grund eine Sache von Leben und Tod ist. Der Heidelberger Katechismus, eine der wichtigsten reformierten Schriften, hat vor 500 Jahren darum gewusst und gleich im ersten Satz gefragt: «Was ist dein Trost im Leben und im Sterben?» Aber noch viel früher hat unser Gott gewusst und vielleicht noch mehr Akzent gespürt, wie nötig Trost Menschen ist. Im Buch Jesaja fleht er: «Tröstet, tröstet mein Volk!»

Ohne ein einziges Wort

Einer aus diesem Volk ist Hiob – ein sehr reicher und frommer Mann, über den plötzlich das Unsagbare hereinbricht. Auf einen Schlag wird ihm alles genommen: seine drei Töchter, seine sieben Söhne, sein gesamtes Hab und Gut und seine Gesundheit – «… und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Sohle bis zum Scheitel.» Daraufhin kommen seine drei Freunde zu ihm. Die Schrift erzählt, wie sie vor dem Elend des Freundes ihre Kleider zerreissen und sieben Tage und sieben Nächte lang bei ihm auf der Erde sitzen, ohne ein einziges Wort zu sagen. «Denn sie sahen, dass sein Leiden sehr gross war.» Erst als sie zu reden beginnen, um das fremde Leid für sich selbst erträglicher zu machen, verkehrt sich der Trost in sein Gegenteil. Wie oft haben wir als Kirche den Geschlagenen vom Himmel gepredigt, bevor wir die Erde mit ihnen ausgehalten haben?

Das Vorletzte

Manchmal, da verletzt der «Trost» der anderen so sehr, dass man nur noch aufspringen und davonrennen kann – nein, das Leben geht nicht immer weiter. Und manchmal, da fühlt man sich vom Trost der anderen so gesehen und verstanden, dass man etwas von dieser grossen Kraft der Menschlichkeit erfährt. Etwa vom Ausruf eines 18-jährigen Sanitärs, der nichts von Trauerphasen und Trostworten weiss und doch sein ganzes nacktes Mitgefühl zum Ausdruck bringt. Oder von der Rose aus dem Garten, die uns eine mit einem Zettel vor die Tür stellt: Ich denke heute fest an dich. Oder von den zwei Armen, in die wir wortlos hineingezogen werden und in denen wir für die Dauer eines Wimpernschlags spüren, dass der Schmerz nicht das Letzte, sondern «bloss» das Vorletzte ist.

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