Aus dem alten Zelt
Jacqueline Keune 30.12.2025
Was weiss die Kröte im Brunnen vom Meer? Was weiss der Ballon im Geäst vom Himmel? Was weiss ich in meinem Schema vom Leben? – Sorgen wir für Unterbrechung!
Von Zevenbergschen Hoek, wo ich zur Welt gekommen bin, sind wir in den Weiler Pfaffenholz gezogen. Weiter gings mit immer mehr Geschwistern nach Wünnewil und Tentlingen und später im Solothurnischen an eine Hohlenstrasse und unter ein Viadukt. Allein bin ich nach Luzern an den Roseneggweg und dann in die Neustadt-WG weitergeflogen. Zu zweit zogen wir ins Bauernhaus in Tafers und anschliessend in den 3. Stock in der Schlossmatte. Dann führte der Weg an die Ufer der Plessur und wieder zurück nach Luzern an die St. Leodegar-, die Dornacher- und schliesslich an die Moosstrasse. Und morgen werde ich wieder umziehen – von einem sich zuklappenden in ein sich neu aufblätterndes Jahr.
Unter welchem Himmel ich im Neuen gehen werde? In welcher Hoffnung ich Wurzeln schlagen, welchen Mut ich finden, welche Feigheit ich bewohnen oder ob ich gar der Ewigkeit eingeschrieben werde? Ich weiss es nicht, weiss nur, dass ich das «Fürchtet euch nicht!» des Engels nicht aus dem Ohr und den Stern nicht aus den Augen verlieren will.
Hände voll Segen
Von manchen Aufbrüchen habe ich kaum etwas mitbekommen und mich nicht mehr umgedreht – aus den Augen, aus dem Sinn. Andere haben mich so durchgeschüttelt, dass ich lange gebraucht habe, um mich wieder zusammenzusetzen. Beim Weggang von Chur nach Luzern habe ich den ganzen Weg im gemieteten Bus geweint.
Auch viel inneres Aufbrechen hat mein bisheriges Leben gekannt. Das Beenden der Beziehung, die mich schier alles gekostet hat. Das Aufgeben einer Stelle, an der ich hundert Jahre alt hätte werden wollen. Das Annehmen einer neuen, die mich in wunderbare Weite geführt hat. Das Ja zu dir, dem Glück meines Lebens. Und andere Jas und Neins, für die ich mit Einsamkeit bezahlt, vor allem aber Hände voll Segen geerntet habe.
Das Lied des Lebens
Ich war nie jemand, die wirklich gern aufgebrochen ist – ich mag es, wenn die Dinge verlässlich sind. Und je älter ich werde, desto schwerer fällt mir der Aufbruch. Aber auch wenn nicht ein jeder etwas von den drei grössten Aufbrüchen hat, die ich kenne – dem Auszug von Sara und Abraham aus dem alten Zelt, dem Auszug Israels aus dem Sklavenhaus und dem Aufstand aus dem Grab am Ostermorgen –, so hat es sich doch auch für mich immer als gut erwiesen, dass ich nicht sitzen geblieben bin. Denn: Wer sitzen bleibt, bleibt stehen. Wer sitzen bleibt, bleibt unter sich, hat immer die gleiche Aussicht, hört das Ticken der Tage, nicht aber das Lied des Lebens. Und vielleicht wird mit der Zeit selber zum Sessel, wer sitzen bleibt …
Offene Wege
Aufbrechen lässt mich immer auch mein Angewiesen-Sein spüren. Deshalb will ich auch an der Kante dieses Jahres (und in Abwandlung eines alten Liedes) bitten:
Und wieder ist ein Aufbrechen da,
hab Dank für offene Wege und für Ruhe.
Und sei mir nah bei allem, was ich tue.
Weiss nicht, was kommen wird an Fülle und an Leere.
Sei du mein Gott durchs Leichte und durchs Schwere.
Führe zu Vertrauen die Angst,
in der ich hänge.
Und treiben mich Mensch und Zeit, schenk ein wenig Atem im Gedränge.
Hilf, wo immer ich es vermag,
die tapfere Tat zu wagen.
Und fällt mich Schwäche an,
auch dazu Ja zu sagen.
Jacqueline Keune ist Theologin aus Luzern. Sie schreibt 2026 als Gastautorin für das Pfarreiblatt.
Bild: Raphael Renter | @raphi_rawr/unsplash.com
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