Versöhnung

Viele Namen hat dieses Sakrament: Versöhnung, Beichte, Umkehr, Busse. In seiner öffentlichen Wahrnehmung bleibt es weit hinter den anderen Sakramenten zurück. Es betrifft aber dennoch die Grunddimension des menschlichen Lebens schlechthin.

Versöhnt zu sein heisst, in Einklang zu stehen mit sich, mit den Mitmenschen, mit der Welt und mit Gott. Es ist das grundlegende Wohlbefinden des Menschen in seinen vier Dimensionen. Gestört wird das Versöhntsein durch die Sünde. Sünde ist Lieblosigkeit und Ausdruck einer gestörten Beziehung zu mir, zu anderen, zu der Welt und zu Gott. Sünde klingt altmodisch. Der Begriff wird gerne gemieden, weil er moralisch klingt. Das mag sein, aber Sünde ist ein ehrlicher Begriff und es gibt keinen besseren, denn er hat das Subjekt als Mittelpunkt. Sünde geht nur in der Ich-Form: „Ich habe gesündigt!“. Es gehört zum Personsein dazu und man kann nicht zur reifen Person werden ohne dieses Ich-Bewusstsein gerade bei der Sünde. Verantwortung für seine schlechten Seiten zu übernehmen heisst dann auch verantwortet als integere Persönlichkeit versöhnt zu sein.

Die Tatsache der Sünde ist da. Den Wunsch versöhnt zu sein spürt jeder. Die Kirche, die sich für den Menschen interessiert und den Menschen genau kennt, hat im Laufe der Jahrhunderte Formen entwickelt, den Menschen auf diesem Weg zu helfen.

Der Weg zur Versöhnung ist ein Prozess – oft lebenslang. Die Schritte auf diesem Weg sind menschliche Grunddimensionen.

Der erste Schritt ist Nachdenken, die eigene Schuld und Sünden zu entdecken: Ich habe gesündigt. Der zweite Schritt ist die Reue, das ist die schmerzhafte Erfahrung, dass jede Sünde an anderen mich selbst als Person betrifft, und für mich kein guter Zustand ist. Das dritte ist das Bekenntnis. Jeder Psychologe wird das bestätigen, dass das Aussprechen von Fehlern eine befreiende und reinigende Wirkung hat. Der vierte Schritt ist der Wille zur Umkehr, der zunächst mit einer – wenn möglich – simplen Wiedergutmachung beginnt. Es ist auch das Signal nach aussen, ich möchte nun anders werden. Nun folgt als fünftes die Zeit der Bewährung. Man kann auch von einer Busszeit sprechen. Die getane Umkehr ist „bedingt“, jetzt ist die Zeit zu beweisen, dass sie getan ist. Zum Schluss folgen Vergebung und Versöhnung als Ziel dieses Wegs: ein versöhnter Mensch sein, versöhnt mit mir selbst – ich muss mein Gleichwicht wieder finden, mir selbst in die Augen schauen –, versöhnt mit den Menschen – da bin ich auf den anderen, gegenüber dem ich lieblos war, angewiesen, dieser muss mir verzeihen und vergeben – und versöhnt mit Gott – durch den sakramentalen Zuspruch der Lossprechung, durch die Teilnahme an der Eucharistie oder an der Krankensalbung.

Der Weg zur Versöhnung ist eine lebenslange Herausforderung. Dieser Weg muss, um wirklich zu gelingen, Täter und Opfer zusammenbringen, den Schuldigen und den Verletzten, den Lieblosen und den, der darunter gelitten hat.

Die Kirche hilft auf diesem Weg mit vielfältigen Formen der Liturgie und der Sakramente:

  • Es ist die Gewissenserforschung und Vergebungsbitte am Beginn jeden Gottesdienstes.
  • Es ist das Einzelgespräch, das jederzeit mit einem Seelsorger geführt werden kann.
  • Es ist die Feier der Versöhnung für Einzelne (Beichte), wo das Einzelgespräch verbunden ist mit einer sakramentalen Lossprechung.
  • Es ist die gemeinschaftliche Feier der Versöhnung (Bussfeier), die vor Ostern und vor Weihnachten angeboten wird. Es versammelt sich hier die Kirche als eine Gemeinschaft von unvollkommenen sündigen Menschen, die gemeinschaftlich über ihre Lieblosigkeiten nachdenken.
  • Es ist der Weg der Versöhnung, der für Kinder und Erwachsene in der Advents- und Fastenzeit angeboten wird.
  • Es ist die Vorbereitung und Einübung der Kinder in die Gedanken der Versöhnung, die im Religionsunterricht der 4. Klasse stattfinden.
  • Und es ist eine Grundhaltung von Christinnen und Christen, achtsam miteinander umzugehen und versöhnlich zu wirken, so dass Vergebung lebendig zu spüren ist.